Mittwoch 28. Juni 2017

Mit den Augen der Armen

Vom 26. bis 28. Oktober 2016 hat sich die Vollversammlung der Comece mit dem komplexen Thema der Armut in Europa befaßt.

Es ist zweifellos so, dass der Graben zwischen Arm und Reich in Europa tiefer wird. Die Armut wächst: in 2015 waren 119 Millionen Europäer von Armut bedroht und die Tendenz ist steigend in vielen Ländern. Das gilt innerhalb der einzelnen Mitgliedsstaaten, wo Menschen in prekären Situationen zunehmend unter Druck geraten und in die Armut abzurutschen drohen. Das betrifft nicht nur alleinerziehende Elternteile oder Jugendliche mit schlechten oder gar fehlenden Bildungsabschlüssen. Das gilt zunehmend auch für Menschen mit besseren Qualifikationen, die ihre Arbeit verloren haben und (aus unterschiedlichen Gründen wie etwa Alter) nur schwer eine andere finden.

 

Es gilt besonders für Jugendliche, die in der «Prekariatsspirale» von (unbezahlten) Praktika landen, ohne wirkliche Aussicht auf eine (feste und redlich bezahlte) Anstellung zu haben, um eine Familie gründen und auch erhalten zu können. Vor allem deshalb haben Menschen vor allem aus dem sogenannten «Mittelstand» Angst, dass ihr Wohlstand nur vorübergehend ist und jederzeit verloren gehen kann.

 

Der Riss zwischen Arm und Reich verläuft auch zwischen den Mitgliedsstaaten. Auf die Gefahr hin dass es provokant klingt: jemand, der in Deutschland oder in Österreich zurecht als «arm» gilt, ist im Vergleich mit Armen in Rumänien oder Bulgarien noch immer nicht wirklich «arm».

 

Durch verschiedenste Instrumente wie Kohäsions- und Strukturfonds hat die Europäische Union seit ihrer Gründung daran gearbeitet, diesen Spalt zu dichten und die ärmeren Länder an den Lebensstandard der reicheren heranzuführen. Dabei kann sie durchaus Erfolge verzeichnen, selbst dann, wenn deutlich wird, dass diese Instrumente zunehmend schlechter greifen.

 

Trotzdem ist das für viele Menschen noch immer zu langsam oder unzureichend. Vor allem in den mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten empfindet man sich im Vergleich mit den Nachbarn im Westen als «arm» und erwartet, möglichst schnell den gleichen Lebensstandard zu erreichen. Dieses Gefühl, bisher zu kurz gekommen zu sein, ist auch eine der Ursachen für die mangelnde Bereitschaft, Flüchtlinge von außerhalb Europas bei sich aufzunehmen.

 

Gegen den institutionellen Tunnelblick hilft es, in die Augen derjenigen zu blicken, denen das eigene Tun letztlich gelten soll: in unserem Fall die Armen selbst. Viel zu oft sprechen wir ÜBER die Armen und suchen Lösungen FÜR SIE, viel zu wenig sprechen wir MIT ihnen und suchen GEMEINSAM MIT IHNEN nach Lösungen. Es könnte sein, dass unser Handeln ein Teil des Problems und nicht der Lösung ist: unser Lebensstil, unsere Achtlosigkeit, unser Egoismus könnten mit eine der Ursachen ihrer Armut sein. Das verhindert manchmal den ehrlichen Dialog, weil er uns in Frage stellt. Dieser Frage dürfen Christen aber nicht ausweichen.

 

Darum haben es die Bischöfe der COMECE nicht bei Diskussionen und Gesprächen mit Vertretern von Politik und NGO’s belassen, sondern sie besuchten Einrichtungen, die sich ganz der Arbeit mit armen und ausgegrenzten Menschen verschrieben haben. Diese Treffen in kleinen Gruppen, das gemeinsame Essen und Gespräch wurden zum Prüfstein für die Haltbarkeit von Lösungen, die während des Studientages diskutiert wurden. Dadurch hat sich der Blick geweitet.

 

Michael Kuhn

COMECE

 

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> 6. Juni
Die EU-Kommission wird zusammen mit dem EMCDDA den Europäischen Arzneimittelbericht 2017 veröffentlichen, mit einer umfassenden Analyse der jüngsten Entwicklungen der Arzneimittelsituation in Europa.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll das Diskussionspapier zur Zukunft der Europäischen Verteidigung bis 2025 veröffentlichen.
 
> 7. Juni
Die EU-Kommission soll die Mitteilung zur “Stärkung der Resilienz in Drittstaaten” veröffentlichen als Teil der Umsetzung der Globalen Strategie der EU  
 
> 15.-16. Juni
Eine hochrangige Veranstaltung über die EU-Arktis-Politik wird in Oulu, Finnland, stattfinden.

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