Montag 20. November 2017
November Ausgabe #209

Mit Leidenschaft für Europa – Die Erinnerung an Krisen fördert die Heilung von Brüchen

2017 werden gleich mehrere Jubiläen und Jahrestage begangen. Angesichts der gegenwärtigen Krisen täte Europa gut daran, sich in Erinnerung zu rufen, wie es in der Vergangenheit Herausforderungen gemeistert hat, so der neue Direktor des JESC Peter Rožič SJ.

In einer Zeit, in der die EU mit einer ihrer größten Krisen konfrontiert ist, jähren sich in Europa mehrere bedeutende historische Ereignisse; so wird 2017 nicht nur der 500. Jahrestag der Reformation begangen, sondern auch der 100. Jahrestag der Russischen Revolution, der 60. Jahrestag der Römischen Verträge und der 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages. Darüber hinaus ist es nun zehn Jahre her, dass die weltweite Finanzkrise ausbrach und europaweit zu Brüchen im europäischen Projekt führte. All diese sich nun jährenden Ereignisse machen uns bewusst, dass außergewöhnliche Krisen trotz der unwiederbringlichen Verluste zur Entstehung der EU, wie wir sie heute kennen, beigetragen haben. Als „Neuling“ in Brüssel und im JESC glaube ich, dass eine EU, die ein feines Gespür für ihre früheren und aktuellen Krisen – und deren Bewältigung – entwickelt, große Hoffnung auf Überwindung der derzeitigen Brüche nährt.

 

Krise und Erinnerung

 

Da die aktuelle Lage Europas als Zustand anhaltender Krisen wahrgenommen wird, muss zunächst der Frage nachgegangen werden, warum die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte so wichtig ist. Die Wahrnehmung fortdauernder Krisen geht einher mit einer mächtigen Furcht, die derzeit Europa heimsucht: die Furcht vor dem Gespenst verführerischer und entzweiender Verdrossenheit. Diese Verdrossenheit hat dazu geführt, dass Großbritannien für den EU-Austritt gestimmt hat, und sie hat auch in Frankreich, den Niederlanden und anderenorts an der europäischen Atlantikküste Widerhall gefunden. Dieses Gespenst einer oft naiv und schlecht verstandenen Selbstbestimmung hat auch in den EU-Mittelmeeranrainern und den binnenkontinental gelegenen Staaten seine Zähne gezeigt.

 

In den vergangenen Wochen haben wir beängstigende Nachrichten über die Katalonien-Krise wie auch über die gegen das politische Establishment gerichteten Wahlausgänge in Österreich, der Tschechischen Republik und Deutschland vernommen; hinzukommen ähnliche Stimmungen in Teilen der ungarischen und polnischen Bevölkerung. Dies ist mehr als eine einfache Ost-West-Spaltung; es ist eine europaweit zu beobachtende Tendenz. Hätte es früher schon Reformen gegeben, die auf die Ängste der europäischen Bevölkerung reagierten, und hätte Europa selbstlose und wirkliche Führungspersönlichkeiten gehabt, dann wären die europäischen Bürger leidenschaftlicher für die Einigung eingetreten.

 

Erinnerung zur (möglichen) Heilung von Brüchen

 

Die Erinnerung an den Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren ist insofern hilfreich, als dass sie uns zeigt, dass es – während Europa 500 Jahre gebraucht hat, um sich mit der Notwendigkeit von Reformen sowohl auf politischer als auch auf spiritueller Ebene zu arrangieren – bereits Werkzeuge zur Überwindung der derzeitigen vielschichtigen Krise gibt, die ebenfalls politischer und spiritueller Natur ist. Neben der erforderlichen Anerkennung unserer inneren Polaritäten von Hoffnung und Verzweiflung müssen wir nicht nur mit Krisen umgehen und sie bewältigen, sondern auch proaktiv beim Krisenmanagement werden und uns in einen permanenten Dialog begeben, um Krisen zu vermeiden oder zumindest kostspieligen Schaden abzuwenden. Was wäre, wenn wir denjenigen, die Veränderungen wünschen, zuhörten und auf ihre oft berechtigten Besorgnisse eingingen? Erinnerung kann Krisen entweder lösen oder verschärfen. In Verbindung mit sich überstürzenden Emotionen und Fake News kann Erinnerung bzw. Erinnerungspolitik die Zerrissenheit weiter vertiefen. Für den heiligen Augustinus ist das Gedächtnis „ein geheimes Heiligtum, weit und grenzenlos“, das gereinigt werden muss, indem Erinnerungen freigelegt und die mit ihnen verknüpfte Schuld ins Reine gebracht und das Leid und der Schmerz wieder gut gemacht werden.

 

Eine erneuerte Leidenschaft für Europa

 

Was uns fehlt, ist eine echte und ausgebildete Leidenschaft für Europa und sein Gemeinwohl, das als solches ein größeres Wohl darstellt. Leidenschaften, die durch Erinnerungen angefacht werden, verglühen nie. Aber Leidenschaften, die durch geheilte Erinnerungen gestützt, gefördert und auf das richtige Maß gebracht werden, geben uns die Kraft, sowohl unsere Ideale als auch unsere Zerbrechlichkeiten zu akzeptieren, und helfen uns dadurch, all das anzunehmen, was uns als Gemeinschaft wachsen lässt. Bis dahin werden sich die Populisten der prophetischen Stimme des gewöhnlichen, zuweilen empörten europäischen Bürgers bedienen; dadurch fügen sie dem europäischen Haus noch weitere Risse zu und machen seinen beginnenden, aber noch umkehrbaren Verfall sichtbar.

 

Lasst uns Europa neu denken, damit wir gestärkt den Aufbau einer Gesellschaft semper reformanda in Angriff nehmen können. So sagte Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises: „Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas.“ Lasst uns leidenschaftlich für unser gemeinsames europäisches Haus eintreten – für ein reformiertes, neu geborenes und erneuertes Haus.

 

Peter Rožič SJ

JESC (Europäischen Sozialzentrum der Jesuiten)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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