Mittwoch 20. Juni 2018
#210 - Dezember 2017

Nach Rom den Dialog fortsetzen

Die jüngste Veranstaltung zum Thema „Europa neu denken“ im Vatikan ermutigt dazu, den Dialog vor Ort, aber auch zwischen dem Osten und dem Westen Europas fortzusetzen, so Enrico Letta, Präsident des Jacques Delors Instituts.

Wenn alle Wege nach Rom führen, wohin führt uns dann der Weg zurück? Gemeinsam mit rund 350 Vertretern aus der gesamten Europäischen Union, Bischöfen, Politikern, Wissenschaftlern und Verbandsleitern sind wir Ende Oktober auf Einladung des Heiligen Stuhls und der COMECE im Vatikan zusammengekommen, um über das uns am Herzen liegende Europa und die Suche nach der Einheit, die uns antreibt, zu sprechen.

 

Wenn ich an die beiden Tagen zurückdenke, die mit einer beeindruckenden Ansprache von Papst Franziskus zu Ende gingen, kommt es mir wie ein kleines Wunder vor, dass sie überhaupt stattgefunden haben. Für einen stark säkularisierten Kontinent, der – zurecht – auf die Trennung zwischen Politik und Religion achtet und der gerade erst eine existenzielle Krise mit Blick auf sein Einigungsprojekt überwunden hat, war ein solches Treffen mehr als unwahrscheinlich. Zumal viele Katholiken angesichts eines europäischen Projekts, das ihrer Meinung nach nur noch wenig mit dem Christentum gemein hat, politisch auf Distanz gegangen sind. Der per definitionem universell ausgerichtete Heilige Stuhl hätte die Ansicht vertreten können, dass die christlichen Beiträge zum europäischen Projekt – Thema der Veranstaltung – nicht vorrangig seien und in einer immer weniger eurozentrierten Welt und Kirche aussichtslos wären.

 

Das Treffen ist somit als Ermutigung aufzufassen, ausgehend von einem nichteuropäischen Papst, der zu diesem Anlass seine fünfte Ansprache über Europa gehalten hat (nach der ersten an das Europaparlament, der zweiten an den Europarat in Straßburg, der dritten anlässlich der Verleihung des Karlspreises und der vierten im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Vertrags von Rom). Ermutigend waren auch die vielen Gesichter, denen man während dieser zwei Tage begegnete, von denen sich einige schon jahrelang in Brüssel engagieren, und andere, die gerade erst dazugekommen sind. Aus Rom sind wir mit der Gewissheit zurückgekehrt, als Christen, denen Europa nach wie vor wichtig ist, nicht alleine dazustehen.

 

Teilhabe an den laufenden Gesprächen

Das Treffen soll aber nicht nur schöne Erinnerungen und hehre Worte hinterlassen, sondern Ausgangspunkt für einen kontinuierlich fortzuführenden Dialog sein. Für diesen Dialog braucht es keine neuen Veranstaltungen, die die Gefahr eines bequemen „Unter-sich-Bleibens“ bergen würden. Die Christen sollen nicht abseits stehen bleiben, sondern unabhängig von ihrem Status an den laufenden Debatten teilnehmen, zuhören und das Wort ergreifen. Es gibt bereits zahllose Bewegungen, „Häuser Europas“ und andere Orte der Zivilgesellschaft, die dringend neue Kräfte brauchen. Wenn im kommenden Jahr „demokratische Konvente“ oder andere Formen des Dialogs ins Leben gerufen werden, müssen auch die Christen daran teilnehmen.

 

Umgekehrt können aber auch sie ihre Begegnungsstätten und Einrichtungen für europäische Themen und Initiativen öffnen. Ein gelungenes Beispiel hierfür sind die Französischen Sozialwochen (SSF), die zu eröffnen ich die Ehre hatte und die ihre diesjährige Bildungstagung dem Thema Europa gewidmet haben. Ein anderes Beispiel ist die Taizé-Gemeinschaft, die jedes Jahr ein europäisches Jugendtreffen in einer Stadt Europas veranstaltet, so Ende dieses Jahres in Basel. Der Dialog ist aber auch auf lokaler Ebene möglich, etwa in einer Diözese, einer Pfarrgemeinde oder einer Schule. Wenn wir den Veranstaltungskalender für 2018 vorbereiten, sollten wir uns immer auch fragen: Was haben wir dieses Jahr zum Thema Europa vorgesehen?

 

Dialog zwischen Ost und West

Dieser vielfältige Austausch vor Ort soll uns aber nicht daran hindern, den Dialog zwischen dem Osten und dem Westen Europas fortzusetzen, der in Rom begonnen hat und unbedingt vertieft werden sollte. Beide Seiten schöpfen aus den gleichen katholischen Quellen, liegen aber in ihren Schlussfolgerungen mitunter zu weit voneinander entfernt. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, diese Tatsache festzustellen, die bestehenden Divergenzen zu bedauern und auf die Einheit zu verzichten. Die Christen sind dazu berufen Brücken zu bauen, damit die Menschen aus Westeuropa und die Länder Mittel- und Osteuropas sich gegenseitig besser kennen- und verstehen lernen. Besuchen wir uns gegenseitig, so oft es nur geht! Verbringen wir Zeit miteinander! Wir erweisen damit Europa einen großen Dienst und es ist höchste Zeit, damit anzufangen.

 

Enrico Letta

Präsident des Jacques Delors Instituts

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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