Samstag 24. Juni 2017
#195 - Juli-August 2016

Neue Einsichten in das Thema Menschenhandel in der EU

Auch wenn diese kriminelle Aktivität verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt ist und in den einzelnen Mitgliedstaaten eine entsprechende Expertise aufgebaut wird, bleiben zwei große Herausforderungen: eine bessere Datenerfassung und die Bekämpfung neuer Formen des Menschenhandels.

Seit der Verabschiedung der EU-Richtlinie zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels im Jahre 2011 haben die EU und ihre Mitgliedstaaten ihre Rechtsinstrumente und -politiken zur Bekämpfung dieser kriminellen Aktivitäten verbessert. Nichtsdestoweniger bedarf es zielstrebigerer Maßnahmen und eines besseren Verständnisses für bestimmte Aspekte dieses Phänomens, insbesondere seiner neuen Formen und Entwicklungen. So sollte man sich verstärkt mit den neuen Arten des Menschenhandels auseinander setzen und erkennen, wie wichtig es ist, verlässliche Schätzzahlen zu ermitteln.

 

Im November 2014 fand ein gemeinsam von der COMECE, der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Europäischen Kommission veranstaltetes Dialogseminar über die Bekämpfung des Menschenhandels statt, im Rahmen dessen deutlich gemacht wurde, dass die von der Europäischen Kommission verwendeten statistischen Instrumente unzureichend sind.

 

Statistische Abweichungen und geschlechtsspezifische Dimension des Menschenhandels

 

In ihrem Ersten Bericht über die Fortschritte bei der Bekämpfung des Menschenhandels verzeichnet die Europäische Kommission 15.846 „registrierte“ (sowohl identifizierte als auch mutmaßliche) Opfer von Menschenhandel in der EU. Ohne die Exaktheit dieser Zahlen in Zweifel ziehen zu wollen, stellt sich doch die Frage, warum die EU nur diejenigen zu den Opfern von Menschenhandel zählt, die sich an die Behörden wenden, und warum sie keine geschätzten Zahlen vorlegt, wie es die meisten anderen in diesem Bereich tätigen internationalen Organisationen wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) tun. Die statistischen Abweichungen zwischen den registrierten Fällen und den geschätzten Opferzahlen sind enorm. In Anbetracht der Tatsache, dass sich diese Art von Verbrechen in erster Linie im Verborgenen abspielt, lässt sich ein realistischeres Bild des wahren Ausmaßes und der vielfältigen Formen des Menschenhandels nur mit Hilfe von Schätzungen zeichnen. Die ILO geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass in der EU mindestens 880.000 Menschen zu Zwangsarbeit genötigt werden (wobei hier die Hunderttausende weiteren Fälle von Menschenhandel, insbesondere die Opfer von sexueller Ausbeutung, noch gar nicht eingerechnet sind).

 

Darüber hinaus geben die offiziellen EU-Zahlen ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit wieder und führen zu einer falschen Wahrnehmung, da die meisten der Opfer, die sich an die Behörden wenden, für gewöhnlich sexuell ausgebeutete Frauen sind. Das UNODC hat in diesem Zusammenhang Alarm geschlagen und davor gewarnt, „dass der Eindruck entstehen könnte, dass Männer nicht Opfer von Menschenhandel sind, was zu einer weiteren Verzerrung der geschlechtsspezifischen Zahlen führen kann“. In ihrem o. g. Bericht betont die EU, dass 76 % der registrierten Opfer Frauen sind. Schätzungen zufolge sind aber die meisten Opfer von Arbeitsausbeutung Männer. Tatsache ist, dass das Phänomen der Arbeitsausbeutung weniger sichtbar geworden ist, da männliche Opfer oft als illegale Migranten und nicht als Opfer von Menschenhandel behandelt werden. Zudem arbeiten sie tendenziell eher in ländlichen Gebieten und sind damit für die Behörden schwerer zu erfassen. Vor diesem Hintergrund sollte der Menschenhandel nicht als „Frauenproblem“ wahrgenommen werden, sondern als geschlechterübergreifendes Phänomen, das Frauen, Männer und Kinder in unterschiedlicher Weise betrifft.

 

Reproduktive Ausbeutung – eine neue Form des Menschenhandels

 

Nichtsdestoweniger sind Frauen – und Kinder – in besonderer Weise einer neuen Form von Ausbeutung für reproduktive Zwecke ausgesetzt. Dieses neue Phänomen wurde beim o. g. Dialogseminar als Form der „modernen Sklaverei“ bezeichnet. Eine häufige Abart dieser Ausbeutung ist die sogenannte „Ersatzmutterschaft“, ein Problem, das in ethischen und politischen Debatten immer öfter thematisiert wird, so auch im Europarat, in dem derzeit ein Bericht über „Menschenrechte und die ethischen Aspekte der Ersatzmutterschaft“ erarbeitet wird. Das Europäische Parlament hat am 17. Dezember 2015 eine Entschließung über den Jahresbericht über Menschenrechte und Demokratie verabschiedet, in der es hervorhebt, dass „die gestationelle Ersatzmutterschaft, eine Praxis, die die reproduktive Ausbeutung (…) umfasst, untersagt werden und dringend im Rahmen der Menschenrechtsinstrumente behandelt werden sollte“ (Abs. 115).

 

In einer weiteren Entschließung vom 12. Mai 2016 über die Umsetzung der Richtlinie zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels fordert das Europäische Parlament die EU auf, „den neuen Formen des Menschenhandels und der Ausbeutung von Menschen Aufmerksamkeit zu widmen und diese sichtbar zu machen, einschließlich der reproduktiven Ausbeutung und des Menschenhandels mit Neugeborenen“ (Abs. 52). Die Europäische Kommission wiederum betont in ihrem o. g. Fortschrittsbericht, dass „schwangere Frauen angeworben und gezwungen werden, ihre Neugeborenen zu verkaufen“ (Seite 8).

 

Um gegen diese neue Form des Menschenhandels anzugehen, sollte Artikel 2 (3) der EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels – in dem definiert wird, welche Praktiken der Begriff „Ausbeutung“ im Zusammenhang mit der Definition von Menschenhandel mindestens umfasst – dahingehend geändert werden, dass darin neben den anderen Formen der Ausbeutung (sexuelle Ausbeutung, Zwangsarbeit etc.) auch die Ausbeutung zu reproduktiven Zwecken (wie im Falle der Ersatzmutterschaft) aufgenommen wird.

 

José Luis Bazán & José Ramos-Ascensão

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch


 

 

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