Freitag 18. August 2017
#194 - Juni 2016

Oberflächliche Werte

In der Welt der Politik und der Medien wird in letzter Zeit gerne von „Werten“ gesprochen. Aber was verstehen wir eigentlich darunter?

epa04761861 President of the European Council Donald Tusk (L-R), President of the European Parliament Martin Schulz and President of the European Commission Jean-Claude Juncker during arrivals at Eastern Partnership Summit in Riga, Latvia, 22 May 201

In Bonn wird Mitte Juni das Global Media Forum tagen und sich mit dem diesjährigen Thema „Media. Freedom. Values“ (Medien. Freiheit. Werte) befassen. Am 4. Mai dieses Jahres wurde an der Universität Brüssel ein Lehrstuhl für „Europäische Werte“ neu eingerichtet. Im Vorfeld ihrer Reise in den Vatikan zur Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus am 6. Mai erklärten der EU-Kommissionspräsident und der EU-Parlamentspräsident, Jean-Claude Juncker und Martin Schulz, in einem gemeinsamen Appell: „Europas Seele sind seine Werte“. Aber von welchen Werten sprechen wir eigentlich?

 

Die umfassenden europäischen Bürgerrechte, die in der im Jahr 2009 in Kraft getretene Charta der Grundrechte der Europäischen Union niedergeschrieben wurden, sind auf der Basis folgender vier Werte definiert: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Diese Werte finden sich in Art. 2 des Lissaboner Vertrags wieder. Im Jahr 2007 wurde ein „Rat der Weisen“ von der COMECE beauftragt, die Bedeutung ethischer Werte für die europäische Einigung zu untersuchen: Friede und Freiheit; die Annäherung der Völker; Macht und Verantwortung; Vielfalt, Subsidiarität und Differenzierung usw. Dieses fast zehn Jahre alte Dokument wirkt aus heutiger Sicht prophetisch.

 

Aber reicht es aus, die Werte von oben, von Verantwortungsträgern oder mit Hilfe einer Charta festzulegen? Inwieweit greifen die Bürger konkret auf diese Werteskala zurück, um ihre führenden Politiker oder die zu verfolgenden politischen Leitlinien zu „be-werten“? Betrachten wir das Beispiel unserer politischen Vertreter, so gewinnen wir den Eindruck, dass die heutigen Wähler dem äußeren Erscheinungsbild, den rhetorischen Fähigkeiten und den Wahlversprechungen eines Kandidaten mehr „Wert“ beimessen als seiner Integrität und Ehrlichkeit.

 

Lassen wir uns zunächst bewusst werden, welche Werteskala unseren Entscheidungen, die wir im Leben und als Bürger treffen, zugrunde liegt. Bitten wir anschließend unsere Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft darum, nicht länger „Werte-Slogans“ zu verbreiten, während gleichzeitig einige ihrer Vertreter ihre „finanziellen Werte“ in Panama in Sicherheit bringen. Diese Kluft zwischen den propagierten und den gelebten Werten ist zweifelsohne der Grund für die derzeit europaweit grassierende Krise.

 

Die Wertediskussion ist letztendlich eine statische Debatte. In unserer augenblicklichen Situation trägt sie nicht zu unserem Fortschritt bei. Papst Franziskus hat dies gut beleuchtet. In seiner Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises hielt er den europäischen Verantwortungsträgern keine Moralpredigt – ganz im Gegenteil: Der frühere Chemietechniker Jorge Bergoglio legte den Akzent auf die in Gang zu setzenden Prozesse und die Technik der Erneuerung und fasste diese in den Fähigkeiten, einen Dialog zu führen, zu integrieren und etwas hervorzubringen, zusammen. „Rüsten wir unsere Leute mit der Kultur des Dialogs und der Begegnung aus.“, so Papst Franziskus. Er träumt davon, dass sich die – in einer „Koalition“ miteinander verbundenen – Europäer mit diesen Werkzeugen, Fähigkeiten und Talenten ausstatten und auf den „Schlachtfeldern“ der Kreativität und Innovation neue Projekte in Angriff nehmen.

 

Und schließlich geht es auch um unsere Haltung: Franziskus lädt uns dazu ein, von unserem europäischen Sockel hinabzusteigen – und ohne Frage auch eine abstrakte Wertediskussion aufzugeben –, um uns eine „gesunde menschliche Zukunftsvision“ „ohne leere Nostalgien“ zu eigen zu machen, die uns bei der Verwirklichung eines „neuen europäischen Humanismus“ hilft. Diesen Humanismus beschreibt er ausführlich im letzten Abschnitt seiner Ansprache: In einigen einfachen und konkreten Sätzen sagt uns Papst Franziskus, dass Gesichter wichtiger sind als Zahlen und dass das „Sein“ Oberhand über das „Haben“ gewinnen muss. Er lädt uns ein, nicht an der Oberfläche von Worten hängen zu bleiben.

 

Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

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Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
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