Donnerstag 14. Dezember 2017
#194 - Juni 2016

Papst Franziskus‘ europäische Geometrie

Die von Papst Franziskus beschriebenen allgemeinen Prinzipien, dank derer „die Verschiedenheiten sich in einem gemeinsamen Vorhaben harmonisieren“, können die europäischen Entscheidungsträger in ihrem Einigungsprozess leiten.

Papst Franziskus hat anlässlich der Verleihung des Karlspreises am 6. Mai dieses Jahres eine vielbeachtete Rede im Vatikan gehalten. In einem zugleich persönlicheren und konstruktiveren Ton als bei seinen Ansprachen in Straßburg im November 2014 hat er insbesondere Europa dazu eingeladen, seine „Fähigkeit zur Integration“ wiederzuerlangen. Der Papst hatte dabei nicht die europäische Einigung als solche im Blick, sondern die Integration seiner Migranten. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er die Zukunft des von den europäischen Gründungsvätern initiierten Projekts mit der Integration von Menschen, die an die Türen des Alten Kontinents klopfen, verbindet. Europa wird durch diese Verbindung seine „dynamische und multikulturelle Identität“ bewahren können und zu seiner alten Ausstrahlung zurückfinden – einer Ausstrahlung, derer die Welt bedarf.

 

Wenn es um das Projekt eines vereinten Europas, um die europäischen Einrichtungen oder die gemeinschaftlichen Verfahren geht, so hält sich der argentinische Papst mit Kommentaren zurück. Dies ist weder sein Gebiet noch seine Rolle. Er schlägt keine Methode vor, dank derer eine größere Einigkeit der Länder in Bezug auf die Migrationskrise erzielt oder – darüber hinausgehend – gar ein vereintes Europa geschaffen werden könne. Und dennoch haben seine Prinzipien das Potenzial, die europäischen Entscheidungsträger zu erhellen, denn dank dieser kann „mit dem Aufbau eines Volkes in Frieden, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, […] wo die Verschiedenheiten sich in einem gemeinsamen Vorhaben harmonisieren“, fortgeschritten werden. Papst Franziskus hatte diese Grundsätze bereits im November 2013 im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium niedergelegt, doch dachte er dabei offensichtlich nicht an Europa. Nichtsdestotrotz lassen sich seine Prinzipien ausnahmslos auf den Bereich der europäischen Einigung übertragen.

 

Dies wird insbesondere deutlich beim ersten Grundsatz „Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“, der zum Baustein eines neuen Friedensprozesses wird. Dieses Prinzip liegt ganz dem von Robert Schuman gemeinsam mit anderen „Vätern Europas“ eingeleiteten europäischen Einigungsprozess zugrunde. Und auch heute dürfen die Konflikte, die die Flüchtlingskrise nähren, nicht zu einem Auseinanderbrechen der EU führen, sondern müssen ihre 28 Mitgliedstaaten zu einer engeren Zusammenarbeit motivieren und dadurch einen neuen Integrationsprozess ankurbeln.

 

Eine Teilung der Souveränität, wie sie im europäischen Projekt praktiziert wird, führt zu einer Übertragung von Kompetenzen, gegen die sich die führenden Politiker Europas sträuben. Aber für Jorge Bergoglio ist „die Zeit […] mehr wert als der Raum“. Dieser Blickwinkel lädt dazu ein, die EU nicht als eine neue supranationale Macht, die den darunterliegenden Ebenen ihre Kompetenzen nimmt, sondern als eine Etappe auf dem langen Weg der Rückkehr der Europäer zu sich selbst zu betrachten. Diese Umkehrung kann uns vielleicht helfen, unsere Sichtweise von „Brüssel“ zu ändern.

 

Dabei darf aber gleichzeitig das andere von Papst Franziskus verfolgte Prinzip, nach dem „die Wirklichkeit […] wichtiger als die Idee“ ist, nicht vergessen werden. Nichts fürchtet Jorge Bergoglio mehr als eine kalte Umsetzung abstrakter Ideen, eine ohne vorherigen Dialog mit der Basis getroffene blinde und doktrinäre Entscheidung. Wenn man versteht, dass die Wirklichkeit mehr wiegt als die Idee, sollte man das Konzept eines vereinten Europas und die einzelstaatlichen politischen Realitäten nicht zu weit auseinanderdriften lassen und einen ständigen Dialog zwischen ihnen etablieren. Dadurch werden die europäischen Institutionen daran gehindert, irgendeiner Ideologie zu dienen, und gezwungen, sich immer wieder neu mit den Wirklichkeiten auseinanderzusetzen und ein Ohr an der Bevölkerung in all ihrer Vielfalt zu haben. Die EU-Bürger haben es ihrerseits verdient, dass man ihnen geduldig erklärt, wie Europa funktioniert und was es leistet.

 

Dabei muss auch das letzte große päpstliche Prinzip berücksichtigt werden: „Das Ganze ist dem Teil übergeordnet.“ Man „muss immer den Blick ausweiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben.“, schreibt Papst Franziskus, sorgsam darauf bedacht, die Wirklichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Zu einer Zeit, wo sich das Vereinigte Königreich fragt, ob es in der EU verbleiben will, wo die Flüchtlingskrise zeigt, wie manche Regierungen das Problem auf ihre Nachbarn abwälzen, oder wo die Griechenlandkrise die europäische Solidarität auf den Prüfstand gestellt hat, müsste das Prinzip „Das Ganze ist dem Teil übergeordnet“ den 28 Mitgliedstaaten in ihren Verhandlungen unaufhörlich in Erinnerung gerufen werden.

 

Wie soll man verstehen, dass Europa ein Ganzes bildet? Ein anderes von Jorge Bergoglio gern benutztes Bild kann dabei helfen: jenes des Polyeders, einer geometrischen Form, die die Besonderheit besitzt, die Pluralität widerzuspiegeln, ohne gleichzeitig die Unterschiede zu verwischen. Der Polyeder ist das Gegenstück zu einer glatten und einflächigen Kugel. In diesem Sinne zielt die EU nicht auf eine Vereinheitlichung ab, sondern muss das Prinzip der Subsidiarität – einen direkt aus der kirchlichen Soziallehre stammenden Grundsatz – respektieren. Im Polyeder wird die „Einheit in Vielfalt“, d. h. nichts weniger als das Motto der Europäischen Union, veranschaulicht.

Sébastien Maillard

 Korrespondent der Zeitung La Croix in Rom, ehemaliger Korrespondent in Brüssel

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Eine längere Version dieses Artikels ist in der Zeitschrift Etudes (Ausgabe Mai 2016) erschienen.

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