Sonntag 22. April 2018
#210 - Dezember 2017

Papst Franziskus im Dialog mit Europa

Die Zukunft Europas ist Papst Franziskus ein großes Anliegen. Bereits zum fünften Mal hielt er eine Rede über den Kontinent, in dem seine familiären Wurzeln liegen.

Höhepunkts des Rom-Dialogs „Europa neu denken“ war die mit Spannung erwartete Schlussrede von Papst Franziskus. Dabei ging er mit nüchternem Realismus von der Pluralität der Kulturen und Religionen in Europa aus und stellte fest, dass „das Christentum für viele als ein fernes und fremdes Element aus der Vergangenheit wahrgenommen wird“.

 

Aufhorchen ließ seine Kritik an einem laizistischen Vorurteil, das nicht fähig sei, „den positiven Wert der öffentlichen und objektiven Rolle der Religion für die Gesellschaft wahrzunehmen“ und sie „in eine rein private und gefühlsmäßige Sphäre“ verbannen wolle.

Der Mensch in der Mitte

 

Auch wenn er weniger als seine Vorgänger von den christlichen Wurzeln Europas spricht, so steht es für Franziskus außer Frage, dass die Länder Europas im Lauf der Jahrhunderte durch den christlichen Glauben geprägt wurden. Wie schon in seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises bezeichnete er es als den wichtigsten Beitrag der Christen für das heutige Europa, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Eindrücklich verdeutlichte er, wie sich die Debatten heute auf eine Diskussion über Zahlen reduzieren: „Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen. Die konkrete menschliche Person wird so auf ein abstraktes, bequemeres und beruhigenderes Prinzip reduziert.“

 

Dagegen würdigte er die Personen mit ihren Gesichtern, die zu einer tatkräftigen und persönlichen Verantwortung verpflichten. Hier gab es eine interessante Berührung mit der Eröffnungsansprache von Frans Timmermans, dem ersten Vizepräsidenten der Kommission. Für Timmermans ist ein Spezifikum des Christentums die Fähigkeit, die Welt durch die Augen der anderen wahrzunehmen: „Selbst wenn es ein afrikanischer Flüchtling ist, der in einem Boot im Mittelmeer umhertreibt.“

 

Wiederentdeckung des Gemeinschaftssinns

 

Als zweiten Beitrag der Christen für die Zukunft Europas nannte der Papst „die Wiederentdeckung des Sinns für die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft“. Dabei machte er die interessante Beobachtung, dass die Gründerväter das europäische Projekt gerade mit diesem Wort beschrieben. Die Gemeinschaft sei das stärkste Gegengift gegen den sich ausbreitenden Individualismus, der zu einer entwurzelten Gesellschaft ohne den Sinn für die Zugehörigkeit und das Erbe führe.

 

Als die wesentlichen Bausteine für das Bauwerk Europa entfaltete der Papst im folgenden Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden. Grundverantwortung der Politik sei es, den Dialog und zwar jeglichen Dialog zu fördern. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die extremistischen und populistischen Bewegungen ein, die die Stimme des Dialogs durch Racheschreie ersetzen. Hier würden Brücken abgebrochen und neue Mauern errichtet. Dagegen setzte er das christliche Verständnis von Politik nicht als Aneignung von Macht, sondern als höchstem Dienst am Gemeinwohl.

 

Europa als inklusive Gemeinschaft

 

Im Blick auf die Flüchtlinge und Migranten forderte er ein Europa als „inklusive Gemeinschaft“. Dabei griff er eines seiner Leitmotive auf: die Migranten eher als eine Ressource denn eine Last zu sehen. Durchaus anstößig mag für einige der folgende Satz geklungen haben: „Vor allem angesichts des Flüchtlingsdramas darf man die Tatsache nicht vergessen, dass es sich um Personen handelt, die nicht nach eigenem Belieben, entsprechend politischer, wirtschaftlicher oder sogar religiöser Gesichtspunkte ausgewählt oder abgewiesen werden können.“ Zugespitzt formuliert: Nur christliche Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, ist nicht christlich. Doch realistisch forderte er auch eine politische Regelung des Flüchtlingsphänomens, und von den Flüchtlingen die Bereitschaft, sich auf die Kultur der sie aufnehmenden Nationen einzulassen.

 

Gegen eine seelenlose Globalisierung

 

Entdeckt sich Europa als Gemeinschaft wieder und besinnt es sich auf die Prinzipien der Solidarität, der Subsidiarität und auf die Option für die Armen, dann wird es für den Papst zu einer „Quelle der Entwicklung für sich und für die ganze Welt“. Dabei vertrat er einen über das Wirtschaftliche hinausgehenden umfassenden Begriff von Entwicklung, wie er ihn auch in seiner Enzyklika Laudato si entfaltet hat. Wesentliche Faktoren dabei sind Arbeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. In diesem Zusammenhang fand er auch wertschätzende Worte für die christlichen Unternehmer, die das beste Gegengift gegen eine „seelenlose Globalisierung“ seien, „die mehr auf den Gewinn als auf die Personen achtet und so weit verbreitete Enklaven der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung und sozialen Elends geschaffen hat“.

 

Am Ende seiner Rede zitierte der Papst aus dem frühchristlichen „Brief an Diognet“: „Was die Seele im Leibe ist, das sind die Christen in der Welt.“ Dies erinnert an die Jacques Delors zugeschriebene Metapher „Europa eine Seele geben“. Franziskus vermittelte das Vertrauen und die Hoffnung, dass die Christen von heute dazu fähig sind.

 

Martin Maier SJ

JESC

 

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