Samstag 21. Oktober 2017
#193 - Mai 2016

Papst Franziskus und die Barmherzigkeit der Europäer

Mit seinem Besuch von Flüchtlingen auf der Insel Lesbos hat Papst Franziskus ein humanitäres Zeichen gesetzt und an die Barmherzigkeit der Europäer appelliert.

Im Sommer 2013 die erste Reise außerhalb Roms auf die Insel Lampedusa, im Februar 2016 die Feier einer heiligen Messe in Ciudad Juárez direkt vor dem Stacheldrahtzaun, der Mexiko von den Vereinigten Staaten trennt, am 16. März 2016 der Besuch von Flüchtlingen auf der Insel Lesbos – Papst Franziskus gelingt es immer wieder, durch Symbolhandlungen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Leiden und das Elend der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge zu lenken.

 

Die lebendige Begegnung mit rund 300 Flüchtlingen und das Hören auf ihre Schicksale und Geschichten waren der wichtigste Teil des Besuchs auf Lesbos. In seiner Ansprache im Hafen von Mytilini zeigte der Papst zwar Verständnis für die Sorgen der Menschen in Europa angesichts des Ausmaßes der Flüchtlingkrise, die er als die größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete. Trotzdem dürfe „man nie vergessen, dass die Migranten an erster Stelle nicht Nummern, sondern Personen sind, Gesichter, Namen und Geschichten“.

 

Als eine indirekte Kritik an der Weigerung vieler EU-Länder, überhaupt Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, konnte man den Appell an den „Geist der Brüderlichkeit, der Solidarität und des Respekts für die Menschenwürde“ verstehen, der die lange Geschichte des europäischen Kontinents geprägt habe. Europa sei „die Heimat der Menschenrechte, und wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, müsste das spüren können.“ Hier klingt auch ein Unbehagen gegenüber dem Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei durch.

 

Biblisch bezog sich der Papst auf die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der einen Schwerverletzten am Weg sieht und unverzüglich anhält, um ihm zu helfen. Diese Geschichte deutete er als Gleichnis von Gottes Erbarmen und gleichzeitig als Aufforderung, Menschen in Not gegenüber barmherzig zu sein. Ausdrücklich appellierte er an die Barmherzigkeit der Europäer angesichts der Not der Flüchtlinge.

 

Große Beachtung fand die ökumenische Dimension des Besuchs: Bartolomaios, der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, und Hieronymos II., Erzbischof von Athen und Primas der Orthodoxen Kirche in Griechenland, begleiteten den Papst. Die gemeinsame Sorge um die Flüchtlinge fördert von selbst die Ökumene. In einer gemeinsamen Erklärung forderten die drei Kirchenführer die internationale Gemeinschaft auf, der humanitären Krise durch diplomatische, politische und karitative Initiativen und durch gemeinsame Anstrengungen im Nahen Osten wie in Europa zu begegnen. Es gelte, die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen, Minderheit zu schützen, Menschenhandel und –schmuggel zu bekämpfen und sichere Umsiedlungsverfahren zu entwickeln.

 

Ein Zeichen setzte der Papst auch damit, dass er drei muslimische Flüchtlingsfamilien mit sechs Kindern im Flugzeug mit nach Rom nahm. Kritisch wurde eingewandt, dass er damit 12 Menschen eine Zukunftsperspektive eröffnet, aber 2988 ohne Hoffnung zurückgelassen habe. Dagegen machte ein deutscher Journalist die Rechnung auf, bei den rund 800 Bewohnern des Vatikan entspreche diese Zahl proportional den 1,2 Millionen Flüchtlingen, die in Deutschland aufgenommen wurden.

 

Man kann dies auch so verstehen, dass der Papst hier ein praktisches Beispiel für einen humanitären Korridor gab. Dafür setzen sich seit längerem schon viele kirchliche Gruppen ein, darunter die Gemeinschaft Sant´Egidio, die evangelische Kirche Italiens und die Waldenser in Zusammenarbeit mit der italienischen Regierung. In einem im März 2016 angelaufenen Pilotprojekt sollen insgesamt 1000 besonders gefährdete afrikanische und syrische Flüchtlinge eine sichere Einreise nach Europa erhalten. Bleibt zu hoffen, dass dies ein Vorbild für andere europäische Länder wird.

 

Martin Maier SJ

JESC

 

 

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