Mittwoch 19. September 2018
#213 - März 2018

Papst Franziskus und die Zwangsmigration

Das Pontifikat von Papst Franziskus fällt zusammen mit einer Zunahme der in Europa und weltweit ankommenden Zwangsmigranten auf ein historisches und bis dahin unerreichtes Nachkriegsniveau.

Pope Francis blesses a baby during the foot-washing ritual at the Castelnuovo di Porto refugees center near Rome, Italy, March 24, 2016. Pope Francis on Thursday washed and kissed the feet of refugees, including three Muslim men, and condemned arms m

Für Papst Franziskus bedeutet dies eine einzigartige Gelegenheit, seine Vision einer erneuerten Kirche, einer Kirche, die sich in der globalisierten Welt und für die globalisierte Welt neu positioniert, zu entwickeln und darzulegen. Ungeachtet der Bedeutung anderer ethischer Themen stellt die erzwungene Migration aufgrund ihrer Komplexität und ihres Wesens sowie der damit verknüpften ethischen Debatten eine ganz besondere Herausforderung für die Kirche dar. Dieses Thema wird bekanntlich sehr kontrovers diskutiert, denn es treten hier scheinbare Widersprüche zur entsprechenden Lehre der Kirche seit dem Pontifikat Pius‘ XII. (1939-1958) auf. Die Schwierigkeit liegt in ihrer Umsetzung, wobei zwangsläufig alle Menschen jeglicher bzw. keiner Glaubensrichtung ebenso wie die Nichtregierungsorganisationen, Regierungen und diverse multilaterale Institutionen der Vereinten Nationen einbezogen sind. Innerhalb der Kirche selbst offenbart das Thema womöglich ein unzureichendes Verständnis von Sünde sowie von Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

 

Ein seelsorgerlicher und aktiver Ansatz

 

Papst Franziskus wählte beim Thema Zwangsmigration keine primär theologische, sondern an erster Stelle eine seelsorgerlich-praktische Herangehensweise. Bei diesem Ansatz geht es darum, sich auf den Weg zu machen, sich hinein in die Erfahrungswelt der Menschen zu begeben und sich dabei moralischer Urteile zu enthalten, den Menschen aber gleichzeitig zu helfen, das, was sie erlebt – und erlitten – haben, in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und zu analysieren. Die Predigt, die er während der heiligen Messe im Juli 2013 auf der vor der italienischen Küste gelegenen Insel Lampedusa, wo viele Flüchtlingsboote auf dem Weg nach Europa landen, hielt, war nicht nur eine eindeutige Geste der Solidarität, sondern auch als Auftrag an uns alle zu verstehen.

 

Mit eindringlichen Worten beschrieb Franziskus die Situation als das kumulierte Resultat vielfachen Unrechts, zu dem wir alle in irgendeiner Weise beigetragen haben und für dessen Lösung wir alle auch bis zu einem bestimmten Grad verantwortlich sind. In seiner Predigt verdeutlichte er die moralische Leere eines Isolationismus und eines stark vereinfachenden Reduktionismus; gleichzeitig weitete er das von Johannes Paul II. vertretene Verständnis von Solidarität aus, indem er von der Pflicht zur Solidarität sprach und somit Solidarität und die universelle Achtung der Menschenwürde miteinander verknüpfte.

 

Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

 

Gleichzeitig vertritt Franziskus ein Verständnis menschlicher Verfehlungen, das zwar seinen Ursprung im individuellen Handeln hat, sich aber auf systemischer und gesellschaftlicher Ebene auswirkt. Der fehlende Versuch, das aus einer bestimmten Situation resultierende Unrecht zu beheben, kann zur Unterlassungssünde werden und ist damit genauso schwerwiegend wie das aktive Zufügen von Schaden.

 

Die erste Maßnahme zur „Heilung” eines solchen Unrechts besteht in aufrichtiger und dauerhafter persönlicher Umkehr. Ohne diese Umkehr und die daraus resultierende Demut können wir nicht vorankommen. Und ohne Gottes barmherzige Liebe bleibt selbst dies ein theoretischer und in weiter Ferne liegender Schritt.

 

In der englischsprachigen Welt kann leicht übersehen werden, welche Bedeutungsfülle sich hinter dem durch das Wort mercy bezeichneten Konzept verbirgt. Zu Beginn des Jahres der Barmherzigkeit stellte Franziskus die umfassendere Bedeutung dieses Begriffs heraus, indem er den ursprünglichen lateinischen Terminus misericordia, der wörtlich „ein Herz (cor) für die Armen (miseri)“ bedeutet, verwendete. Mit einem Herz für die Armen, barmherzig – so ist Gottes Liebe für uns, und so sollte auch unsere Liebe für unsere Mitmenschen sein.

 

Papst Franziskus stützte sich dabei auf die theologischen Arbeiten von Papst Benedikt XVI., um insbesondere der von Theoretikern des 20. Jahrhunderts vorgebrachten „Gott ist tot”-Kritik eine kohärente Antwort entgegenzusetzen, die, wie es scheint, in der Kirche bis dahin gefehlt hatte. Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bestehen nebeneinander. Diese Erkenntnis verhindert ideelle Gotteskonstrukte, die die Gefahr einer Fortführung der den Opfern von Unrecht bereits angetanen Gewalt in sich bergen; gleichzeitig behebt sie eine Schieflage, bei der ein sich primär an Gerechtigkeit orientierender Gott als bisweilen allzu fern, unmenschlich und utopisch wahrgenommen wird.

 

Eine neue Struktur für Migranten und Flüchtlinge

 

In seinem seelsorgerlichen Kurs ging Franziskus noch einen Schritt weiter, indem er eine formale Struktur schuf, damit sich im Bereich der Migration etwas bewegt. Die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge des Dikasteriums zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen hat das Mandat, die ganze Kirche – und damit alle Gläubigen auf allen Ebenen – in diese Aufgabe einzubinden. In dieser Vision geht es um Engagement und Gemeinschaft; durch ein solches gemeinschaftliches Wirken, in dem kirchliches Leben wahrhaftig zum Ausdruck kommt, wird die Präsenz von „Kirche“ im öffentlichen Raum wieder deutlich gestärkt.

 

Mit einem solchen aktiven und öffentlichen Katholizismus wird zugleich Kritik an einer stärker privatisierten und individualisierten Auslegung von Religion und nationaler Souveränität geübt. Dies schlägt sich auch in der Tatsache nieder, dass die Kirche sich auf eine in ihrer Geschichte beispiellose Weise in die Ausgestaltung des derzeit bei den Vereinten Nationen verhandelten „Globalen Migrationspaktes“ einbringt.

 

Es ist ein großes Verdienst des Papstes, das Augenmerk auf die Schutzbedürftigsten und die schwierigsten, kaum lösbaren menschlichen Situationen gelenkt zu haben. Es gelingt ihm, bestehende theologische Entwicklungen so mit Leben zu füllen, dass sie für die Kirche und den Rest der Welt greifbar werden. Seine größte Leistung besteht jedoch vielleicht in dem vorangegangenen Schritt, mit dem er diesen Prozess überhaupt erst in Gang setzte: in der Darstellung und Verkündigung eines Gottes, der sowohl Gerechtigkeit als auch Barmherzigkeit ist und dadurch die Menschen so bewegt – und antreibt –, dass sie ein echtes Verlangen nach der Umkehr, zu der Papst Franziskus uns so überzeugend aufruft, verspüren.

 

 

David Holdcroft SJ 

JRS Rom

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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