Mittwoch 19. Dezember 2018
#212 - Februar 2018

Robotisierung des Lebens – eine ethische Herausforderung

Digitale Datensysteme ermöglichen in immer größerem Umfang die Nachahmung von intelligenten Prozessen. Aufgrund dieser Entwicklung ist auch die Anzahl der im gesellschaftlichen Umfeld eingesetzten Robotern in Europa in den letzten Jahren rasant angestiegen.

Können Sie sich einen Surfer auf seinem Surfbrett vorstellen, der bei seinem Ritt auf der Meereswelle erkennen muss, daß nicht nur großartige, herausfordernde Wellen auf ihn zukommen, sondern ein ganzer Tsunami?“ -Dieses Bild benutzte Daniele Mancini, der italienische Botschafter beim Heiligen Stuhl, im Juli 2017 bei einer Veranstaltung im Vatikan zu ethischen Fragen der künstlichen Intelligenz.

 

Wo findet man heute schon Roboter?

 

Ein Roboter stellt ein System dar, das in der Regel aus drei voneinander abhängigen Komponenten besteht: einem Sensor, der die Informationen aus dem Umfeld aufnimmt, einem Prozessor, der die Informationen verarbeitet, und einem Effektor, der mit dem Umfeld interagieren kann.

 

Drei grundverschiedene gesellschaftliche Bereiche sollen verdeutlichen, wie stark die Robotisierung die europäische Gesellschaft bereits prägt.

 

Im medizinischen Bereich ist der Einsatz von Robotern für die Pflege von kranken Menschen bereits weit vorangeschritten. Beispielsweise bei der Betreuung von Demenzkranken ist eine starke emotionale und zeitliche Zuwendung zu den Patienten erforderlich. Diese ist aufgrund von Personalmangel in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern nicht immer zu gewährleisten. Der Einsatz von robotisierten Kuscheltieren und humanoiden Robotern, die eine emotionale Interaktion und Zuwendung mit dem Kranken simulieren, wird daher stark entwickelt und gefördert.

 

Im militärischen Bereich ist die technisch Entwicklung bereits so weit vorangeschritten, daß lethale, autonome Waffensysteme (LAWS) entwickelt werden können. Darunter versteht man Waffensysteme, die autonom, aufgrund einer einmaligen Programmierung, ihr Ziel der Vernichtung selbständig ohne das Eingreifen eines Menschen auswählen und angreifen können.

 

Im Transportwesen ist eine immer stärkere Automatisierung des Individualverkehrs durch technische Fahrhilfen zu beobachten. Der Fahrzeugführer soll immer weiter entlastet werden, Fahrhilfen assistieren ihm oder sollen ihn vollständig ersetzen. Die Weiterentwicklung von autonomen Fahrsystemen im öffentlichen Straßenraum ist von wesentlicher Bedeutung in der europäischen Industrie und Zukunftskonzepte für ein automatisiertes und vernetztes Fahren werden entwickelt.

 

EU investiert in Robotisierung

 

Das aktuelle Zukunftsprogramm der Europäischen Kommission Horizon 2020 stellt die Robotisierung als eine sich besonders schnell entwickelnde Marktkomponente in Europa dar. Europa ist eine der führenden Regionen weltweit für die Entwicklung von Industrierobotern.

Das Programm SPARC (partnership for robotics in Europe) ist das größte Wissenschafts-und Innovationsprogramm der zivilen Robotisierung in der Welt. Es wurde 2014 durch eine Partnerschaft zwischen der Europäischen Kommission, der Robotisierungsindustrie und der akademischen Welt gegründet.

 

Auch im Programm der aktuellen bulgarischen Präsidentschaft des Europäischen Rates ist die Robotisierung - unter dem Bereich Digitalisierung des Binnenmarkts - fest verankert.

 

Notwendige ethische Anfragen

 

Doch in vielen Entwicklungs- und Zulassungsverfahren für Roboter stellen sich ethische Fragen. Wertungen werden vorgenommen, die die Grundlagen des in der Gesellschaft vorhandenen Menschenbilds betreffen.

 

Wer ist Subjekt der Handlung bei Robotern? Welche ethischen Wertungsmaßstäbe werden angelegt, wenn menschliche Emotionen programmiert werden ( z. B. bei Pflegerobotern) oder eine Bewertung von menschlichem Leben - im Sinne von stärker schützenswert und weniger schützenswert (z. B. bei autonomen Fahrsystemen oder Waffensystemen) vorgenommen werden muss. Inwieweit müssen und dürfen Robotersysteme auf ökonomische Zwangslagen reagieren (z. B. Personalmangel in der Altenpflege) – mit entsprechenden nachhaltigen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt. Welchen rechtlichen Status erkennt man Robotern zu? (siehe Beitrag von Alessandro Calcagno in Europe-infos).

 

Vorteile und Nachteile der Robotisierung unserer Gesellschaften müssen kritisch beobachtet und gegeneinander abgewogen werden. Im Zentrum der Abwägungen muss der Mensch stehen. Der christlichen Anthropologie entsprechend ist er nach dem Abbild Gottes geschaffen und deshalb in seiner menschlichen Würde unbedingt zu schützen. Von dieser Basis ausgehend muss Gesellschaft gestaltet werden.

 

Vor dem Hintergrund der hochaktuellen Anfragen, die an die zunehmende Robotisierung der Gesellschaft gestellt werden müssen, hat die COMECE eine ad-hoc Arbeitsgruppe zu diesem Thema eingesetzt. Diese notwendigen Fragen sollten im Dialog mit Vertretern aus Kirche, EU- Politik und Wissenschaft die erörtert werden.

 

Um das Bild, welches zu Beginn des Artikels genutzt wurde, wieder aufzunehmen: Die Herausforderung dieser Debatte besteht darin zu verhindern, daß das christliche Menschenbild von diesem Tsunami hinweggespült wird; vielmehr muss das richtige Gleichgewicht gefunden werden, um auf der Spitze der Welle weiterhin zu surfen.

 

Friederike Ladenburger

COMECE

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