Mittwoch 23. Mai 2018
#215 - Mai 2018

Robotisierung und die Zukunft der Arbeit

Die heutige vierte industrielle Revolution läutet einen Paradigmenwechsel in den Beschäftigungsmustern ein. Entwicklungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung, computergestützte Algorithmen, digitale Technologien und neue Technologien prägen die Zukunft der Arbeit.

Die Auswirkungen der Robotisierung auf die Zukunft der Arbeit werden oftmals kontrovers diskutiert: Die einen sehen grenzenlose Möglichkeiten voraus, die anderen sagen eine massive Verlagerung von Arbeitsplätzen vorher. Bei allem gebührendem kritischen Abstand zu ungerechtfertigten Hypes und Ängsten vor den technologischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt bedarf das Phänomen der Robotisierung/Digitalisierung der Arbeit doch einer moralischen Orientierung, um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, das Gemeinwohl und die Rechte der Arbeitnehmer zu schützen, den sozialen Normen gerecht zu werden und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu fördern. Die zentralen ethischen Anliegen der Europäischen Grundrechtecharta und der Europäischen Säule sozialer Rechte in Bezug auf Menschenwürde, Autonomie, soziale Gerechtigkeit und Solidarität scheinen eine angemessene moralische Grundlage für die Bewertung der neuen Herausforderungen und der weitreichenden Auswirkungen der Robotisierung auf die Zukunft der Arbeit zu bieten.

 

Menschenwürde

 

Wenn gefährliche oder monotone Arbeit durch Technologie ersetzt wird, ist dies ethisch wertvoll und wünschenswert, da es dem Menschen mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, zum gesellschaftlichen Engagement und zur Freizeitgestaltung einräumt. Wird die menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt, stellt dies jedoch gleichzeitig eine Bedrohung für die Menschenwürde dar. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit“ (Artikel 23). Jeder Mensch hat ein grundlegendes Bedürfnis zu arbeiten, denn Arbeit ist ein Mittel zur Selbstentwicklung und gleichzeitig eine Chance, die Umwelt zu verändern, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und Beziehungen zu anderen aufzubauen. Arbeitslosigkeit durch autonome Robotik ist ein Angriff auf die Menschenwürde, da menschenwürdige Arbeit für die Selbstverwirklichung und Sicherheit sowie für den friedlichen Fortschritt der Gesellschaft notwendig ist. Ohne Arbeit gibt es keine Menschenwürde.

 

Eigenständigkeit

 

Wenngleich die Robotisierung dazu dienen soll, unsere persönliche Eigenständigkeit und unsere (sowohl kognitiven als auch physischen) Fähigkeiten zu verbessern, kann sie uns auch verletzlicher machen und uns in unserer Freiheit einschränken. Die Robotisierung kann in bestimmten Bereichen unseren Entscheidungsprozess ersetzen, unseren Lebensstil beeinflussen und unser Handeln steuern. Dieses Phänomen der „technologischen Bevormundung“, der „Robotisierungs- und Digitalisierungssucht“ bzw. der „technologischen Delegation“ ist eine der beunruhigenden Ursachen dafür, dass wir in naher Zukunft von Robotern abhängig sein werden, ob im Alltag, am Arbeitsplatz oder darüber hinaus. Die Autonomie des Menschen spiegelt sich in seinem kritischem Bewusstsein und seinen verantwortungsvollen Entscheidungen wider. Wenn die Robotik dazu führt, dass die kognitiven Fähigkeiten des Menschen leiden und er weniger Verantwortung übernimmt, dann hat dieser Verlust der Selbstbestimmung ernsthafte Auswirkungen auf die Menschenwürde zur Folge.

 

Soziale Gerechtigkeit

 

Arbeit und Beschäftigung sind eine grundlegende Voraussetzung für wirtschaftliche Sicherheit, persönliche Entfaltung und gesellschaftliche Integration. Gerechtigkeit ist einer der wichtigsten Werte, die auf dem Spiel stehen, denn Arbeitslosigkeit aufgrund von Robotik ist per se eine Form von Ungleichheit. Die Technologisierung der Arbeit schafft neue Kategorien von Menschen, die aufgrund ihres digitalen Analphabetismus und ihrer Ausgrenzung vom Arbeitsplatz gefährdet sind („technologische Verwundbarkeit“). Diese „technologische Kluft“ muss durch Bildungsprogramme überbrückt werden, um die Arbeitnehmer neu zu qualifizieren und umzuschulen, damit sie über digitale Fähigkeiten verfügen, die sie benötigen, um im Zeitalter der Robotisierung eine würdige Arbeit zu finden. Zumindest vorübergehend muss ein alternativer Zugang zu Arbeitsplätzen angeboten werden, der die Integration in den Arbeitsmarkt gewährleistet und damit die Arbeitnehmer vor Diskriminierung schützt.

 

Solidarität

 

Im Zeitalter der Automatisierung der Arbeitswelt ist die soziale Sicherheit eines der wichtigsten Zeichen von Solidarität. Die Ethik gebietet uns, dass Menschen, die aufgrund von Unsicherheit, Flexibilität und der Schnelllebigkeit des Arbeitsmarktes besonders verletzlich sind, sozialökonomischen Schutz erhalten. Der massive Verlust bestehender bezahlter Arbeitsplätze wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass es nicht mehr genug Einkommensquellen und finanzielle Mittel für die Aufrechterhaltung eines nachhaltigen Sozialsystems gibt. Außerdem wird sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößern, weil weniger Menschen direkt in einen effizienteren und effektiveren Wertschöpfungsprozess eingebunden werden. Der Druck auf den Sozialstaat und die sozialen Sicherungs- und Schutzsysteme, die bisher durch die Arbeit finanziert wurden, ist ein großes Problem, das es zu lösen gilt. Die Sozial- und Solidarwirtschaft fördert die Schaffung und Erhaltung menschenwürdiger Arbeit, indem sie qualitativ hochwertige und stabile Arbeitsplätze schafft und benachteiligte Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt integriert.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die sich in Folge von Automatisierung und Robotik verändernden Beschäftigungsmuster den heutigen und künftigen Generationen wirklich zugutekommen.

 

Emmanuel Agius

Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Malta und Mitglied der Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien (EGE)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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