Freitag 17. August 2018
#216 - Juni 2018

Soll die Beschneidung verboten werden?

Im isländischen Parlament wurde ein Gesetz zum Verbot der Beschneidung eingebracht und später wieder zurückgezogen. Ähnliche Vorschläge werden auch in anderen Regionen Europas geprüft. Für Grégor Puppinck wäre ein solches Verbot eine Verletzung des europäischen und internationalen Rechts, das die Religionsfreiheit garantiert.

Im isländischen Parlament wurde ein Gesetzentwurf zum Verbot der nichtmedizinischen Beschneidung diskutiert. Die Entfernung der Vorhaut sei eine Genitalverstümmelung, die die körperliche Unversehrtheit des Kindes in gleicher Weise beeinträchtige wie die Beschneidung der weiblichen Genitalien (Exzision), so die Initiatoren des Vorschlags. Vertreter mehrerer Fraktionen unterstützten diesen Text, ebenso wie – einer Umfrage zufolge – die Hälfte der Isländer. Der Gesetzentwurf wurde vorerst zurückgezogen. Auch wenn nur 0,5 % der Bevölkerung des Landes betroffen wären, würde ein solches Gesetz eine dem Judentum und dem Islam gemeinsame und im Rest der Welt weit verbreitete religiöse Praxis in Frage stellen. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge waren 2007 30 % der männlichen Weltbevölkerung beschnitten.

 

Die Beschneidung des Mannes ist nicht vergleichbar mit der Exzision

Eine solche Debatte heute zu eröffnen, ist in vielerlei Hinsicht widersprüchlich. Seit einigen Jahren bereits weiß man, dass es auch medizinische Vorteile im Zusammenhang mit der Beschneidung gibt. 2015 wurde in einer kanadischen Studie ein Rückgang der Inzidenz von Harnwegsinfektionen bei beschnittenen Jungen sowie des Risikos von sexuell übertragbaren Infektionen und bestimmten Krebsarten bei Männern und ihren Partnerinnen festgestellt. Im Gegensatz zu dem, was von Beschneidungskritikern behauptet wird, kann diese Praxis zudem nicht mit Verstümmelung gleichgesetzt werden. Die WHO weigert sich, diesen Begriff zu verwenden und ist der Ansicht, dass sich die soziale Bedeutung und die medizinischen Folgen von Beschneidung und Exzision „drastisch voneinander unterscheiden“.

 

Auch das Ministerkomitee des Europarates vertritt den Standpunkt, dass diese Praktiken „keinesfalls vergleichbar“ sind. Die weibliche Beschneidung sei im Gegensatz zur männlichen Beschneidung keine religiöse Vorschrift, sondern gehöre zum Brauchtum. Zudem sei sie gefährlich und habe schwerwiegende Folgen für die Frauen, was ihr Verbot rechtfertige. Das quasi Nichtvorhandensein von Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit der Beschneidung des Mannes zeigt auch, dass diese Praxis von den Betroffenen selbst kaum in Frage gestellt wird. Während 14 % der Franzosen 2008 angaben, beschnitten zu sein, „hatte die Rechtsprechung allem Anschein nach noch keinen Anlass, den Begriff der Beschneidung strafrechtlich zu definieren“.(Journal du Droit Administratif – französisches Fachblatt für Verwaltungsrecht, JDA), 2017).

 

Die falsche Freiheit der Waisenkinder

Tatsächlich will man mit dem vorgeschlagenen isländischen Gesetz nicht auf ein medizinisches Problem reagieren, sondern die Kinder vor religiösen Determinismen schützen, die ihre Eltern, die Minderheitengemeinschaften angehören, ihnen auferlegen wollen. Wenn die Beschneidung für Kontroversen sorgt, dann deshalb, weil sie „das Kind von klein auf für den Rest seines Lebens körperlich zeichnet“ (G. Gonzalez und F. Curtit). Für die Juden ist es ein Zeichen des Bundes mit Gott, ein göttliches Gebot. Der individualistisch geprägte Zeitgeist von heute hingegen sieht das Kind nicht als Sohn und Erbe einer familiären und religiösen Tradition und will seine Freiheit bewahren. Doch diese Vorstellung, nackt und frei ins Dasein zu treten, ist eine Illusion, eine falsche Vorstellung von Freiheit, die die zutiefst soziale und religiöse Natur des Menschen außer Acht lässt. Sie zieht die Freiheit der Waisenkinder der Würde der Söhne vor.

 

Eine Verletzung des europäischen und internationalen Rechts

Ein Verbot der Beschneidung wäre auch eine Verletzung des europäischen und internationalen Rechts, das die Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder garantiert. Ein Beschneidungsverbot würde nicht nur das Recht der Eltern verletzen, sondern auch das Recht der Kinder, „in Fragen der Religion oder der Weltanschauung Zugang zu einer Erziehung zu haben, die den Wünschen ihrer Eltern entspricht“. (Ministerkomitee des Europarates). Aus diesem Grund hat der deutsche Gesetzgeber im Dezember 2012 die von einem Kölner Gericht unklugerweise abgesprochene Rechtmäßigkeit der Säuglingsbeschneidung bekräftigt, solange sie gemäß „den Regeln der ärztlichen Kunst“ durchgeführt wird.

 

Die Länder, in denen diese Debatte geführt wird, sollten sich von der deutschen Gesetzgebung inspirieren lassen und ein gerechteres und umfassenderes Verständnis von Freiheit entwickeln.

 

Grégor Puppinck

Direktor des Europäischen Zentrums für Recht und Gerechtigkeit

 

Das Europäische Zentrum für Recht und Gerechtigkeit (ECLJ) hat kürzlich den Bericht La circoncision, approche éthique et juridique d’un précepte religieux menacé (Die Beschneidung, ein ethischer und rechtlicher Ansatz mit Blick auf ein bedrohtes religiöses Gebot) verfasst, abrufbar unter www.eclj.org.

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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