Samstag 24. Juni 2017
#189 - Januar 2016

Stress und Leiden am Arbeitsplatz: 50 % der Europäer sind betroffen

Rund die Hälfte der europäischen Arbeitnehmer gibt an, regelmäßig mit Stress am Arbeitsplatz konfrontiert zu sein. Dies hat unmittelbaren Einfluss auf die Gesundheit und das familiäre Gleichgewicht. Was unternimmt die Europäische Kommission?

„Ich habe den totalen Burnout“, berichtet eine Krankenschwester. „Ich habe viele Überstunden gemacht, viel gearbeitet, sogar, wenn ich krank war. Heute bereue ich dies. Ich bin allein und habe gesundheitliche Probleme“. Diese Aussage steht für viele andere Arbeitnehmer aus allen Arbeitsbereichen, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben.

 

Die allgemeine Beschleunigung des Lebensrhythmus wirkt sich in alarmierender Weise auf das Berufsleben aus. Wie können Familie und Beruf miteinander in Einklang gebracht werden? Wie dem Druck am Arbeitsplatz, der sich durch die Digitalisierung weiter erhöht, standhalten? Heute ist es „dank“ E-Mail und Handy doch möglich, den Berufsstress bis in den Feierabend und das Wochenende des Arbeitnehmers mit hineinzunehmen.

 

Stressbedingte Kosten

Stress bzw. berufsbedingte Erschöpfung gehören zu den sogenannten „psychosozialen“ Risiken. Sie sind Ursache verschiedener gesundheitlicher Belastungen und Krankheiten (Schlafstörungen, Depressionen, Muskel- und Skeletterkrankungen, psychosomatische Erkrankungen etc.). Laut der europäischen Richtlinie 89/391/EWG ist der Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, die psychosozialen Risiken zu minimieren. Ergeben sich dadurch zu hohe Mehrkosten? - Nein, denn mangelnde Prävention kann zu noch höheren Kosten führen. Die Zahlen belegen dies.

 

Laut einem von der EU finanzierten und von Matrix 2013 durchgeführten Projekt entstehen EU-weit jedes Jahr durch berufsbedingte Depressionen verursachte Kosten in Höhe von schätzungsweise 617 Milliarden Euro. Diese Zahl umfasst Fehlzeiten am Arbeitsplatz (272 Milliarden Euro), Produktivitätsverluste (242 Milliarden Euro) und Kosten für die Gesundheitsversorgung (63 Milliarden Euro). Nachzulesen sind diese aufschlussreichen Zahlen im Bericht „Berechnung der durch Stress und psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz verursachten Kosten“, der im November 2014 von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz veröffentlicht wurde.

 

Regulierung bleibt auf der Strecke

Es geht aber nicht in erster Linie um Kosten. In einem sicheren und gesunden Umfeld zu arbeiten, ist ein Grundrecht des Menschen. Es scheint aber, dass die Würde der Arbeitnehmer, das Recht auf Achtung ihres Familienlebens bzw. ihrer Gesundheit für die Europäische Kommission nicht mehr wirklich Priorität genießt. Herman Fonck vom Gesamtverband der Christlichen Gewerkschaften Belgiens (ACV-CSC) und Präsident des Verwaltungsrates von Eurofound bedauert, dass das Arbeitsprogramm 2016 der Europäischen Kommission den Gesundheits- und Sicherheitsfragen nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt. Fonck zufolge tut die Kommission Gesundheitsnormen als unnötigen und kostentreibenden Papierkram ab.

 

2015 hat die Europäische Kommission das Programm REFIT zur Vereinfachung der europäischen Rechtsetzung eingeführt. Ziel ist „die Schaffung eines klaren, stabilen und vorhersehbaren Rechtsrahmens, der Wachstum und Beschäftigung fördert“.

 

Ist Reglementierung somit eine Belastung, eine Wachstumsbremse? Im REFIT-Programm findet weder der Vorschlag für eine geänderte Richtlinie über Mutterschutz Berücksichtigung, noch gibt es Neues zur Arbeitszeitrichtlinie. Von Seiten des Europäischen Parlaments ist zu vernehmen, es werde vor dem britischen Referendum 2017 wohl keinen Vorschlag der Kommission zu sozialen Fragen geben, wolle man doch den britischen Premierminister David Cameron nicht mit einer zu weit gehenden Sozialgesetzgebung verprellen.

 

Ist somit nichts von gesetzgeberischer Seite zu erwarten, so gehen der Gedankenaustausch und der Dialog dennoch weiter. Anfang Dezember hat die Europäische Kommission eine öffentliche Konsultation zur Art und Weise gestartet, wie ein besseres Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben gefunden werden kann und wie die Hindernisse mit Blick auf die Teilhabe der Frauen am Arbeitsmarkt beseitigt werden können. Die Kommission kündigt an, neue Wege gehen zu wollen, „damit Personen, die Kinder oder Eltern zu betreuen haben, ihre familiäre Verantwortung besser mit ihrem Berufsleben in Einklang bringen können.“

 

Es wird damit gerechnet, dass sich Familienverbände, Gewerkschaften, Bürgerbewegungen und auch Privatpersonen rege an dieser Konsultation, die bis zum 17. Februar 2016 läuft, beteiligen werden. Sie haben somit Gelegenheit, die EU daran zu erinnern, dass die Gesundheit der Arbeitnehmer und das familiäre Gleichgewicht keine Nebensächlichkeit sind, sondern der Motor für eine „nachhaltige und wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft“, zu der die Europäische Union laut Vertrag von Lissabon werden soll.

 

Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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Die EU-Kommission soll das Diskussionspapier zur Zukunft der Europäischen Verteidigung bis 2025 veröffentlichen.
 
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