Montag 21. August 2017
#196 - September 2016

Türkei: Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?

Nach dem gescheiterten Putschversuch von Teilen des Militärs herrscht eine Atmosphäre der Angst in der Türkei, und die Lage ist weiterhin angespannt. Nach Ansicht von Jean-Marc Balhan SJ muss Europa wieder seine frühere Unterstützungs- und Katalysatorfunktion übernehmen.

Die Beziehungen zwischen „Türken“ und „Europäern“ waren im Laufe der Geschichte nie wirklich einfach. In jüngster Zeit verbrachten die Europäer zwar gerne ihre Ferien in der Türkei (bevor die Spannungen dort ausbrachen), doch sind sie nur selten bereit, deren Bewohner wirklich als ihresgleichen anzuerkennen.

 

Während früher oft die unterschiedliche Religionszugehörigkeit eine zentrale Rolle spielte, hat sich der Fokus nun auf den zunehmenden Autoritarismus des derzeitigen Präsidenten verlagert. Dies geht so weit, dass viele Europäer das Scheitern des Militärputsches vom 15. Juli, der 250 Opfer forderte und ein stark beschädigtes Parlamentsgebäude hinterließ, beinahe zu bedauern schienen und auf die harten Repressionen des türkischen Staates als Antwort auf den Putschversuch verwiesen. Diese Reaktion ist in einem Land, das sich ungeliebt fühlt und in dem Verschwörungstheorien kursieren, nicht wirklich gut aufgenommen worden. Und auch die moralische Autorität Europas ist dadurch geschwächt worden.

 

Ein Teufelskreis der Gewalt

Um das aktuelle Geschehen in der Türkei wirklich verstehen zu können, müssen wir die Geschichte des Landes und die Anthropologie seiner Bewohner in den Blick nehmen. Nachdem im März 2016 kurdische Dissidenten der PKK eine Autobombe im Zentrum Ankaras gezündet hatten, schrieb der Journalist Mustafa Akyol, der Teufelskreis des Kampfes zwischen den gewalttätigen und radikalen Kräften und einem selbstherrlichen und autoritären Staat mute wie ein Film an, der in der Türkei jedes Jahrzehnt von Neuem mit gleicher Handlung, aber wechselnden Akteuren gedreht wird. Dieser Teufelskreis werde solange weitergehen, „bis man eines Tages feststellt, dass es in unserer Nation keine ‚Kräfte des Bösen‘ gibt, sondern jeder von uns ein gewisses Maß an Bösem in sich trägt“. Das Erlangen dieser Erkenntnis ist eine der größten Herausforderungen, vor denen das Land gegenwärtig steht.

 

Die Türkei ist weltweit eines der Länder, in denen das gegenseitige Vertrauen der Menschen am geringsten ist; es ist zersplittert in verschiedene Bevölkerungsgruppen, die einander gering schätzen, voreinander Angst haben und übereinander, aber nur selten miteinander sprechen, seien es nun „weltliche“ Kemalisten, fromme Sunniten, links orientierte Aleviten, Kurden oder Armenier. Darüber hinaus ist die türkische Gesellschaft insgesamt (in Bezug auf Familie, Schule, Parteien usw.) konservativ geprägt (d. h. patriarchalisch, autoritär, hierarchisch strukturiert und geprägt von einer Ethik, in der dem Ehrenkodex eine zentrale Rolle zukommt). Kompromissbereitschaft ist Mangelware, und „die Türken können nicht verhandeln“ – diese Erfahrung haben zahlreiche in Ankara ansässige Diplomaten gemacht.

 

Ein pyramidal organisierter Staat

Die Menschen werden von einem Staat, dem sie nur geringes Vertrauen entgegenbringen, alleingelassen; wird dieser Staat in Frage gestellt, nutzt er die bestehenden Spaltungen geschickt für sich aus, entfacht von Neuem die Angst vor einem Komplott von innen oder außen (was ihm derzeit sehr gut gelingt) und polarisiert die Gesellschaft immer wieder, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Denn unabhängig davon, wer die Staatsmacht innehat, strebt der pyramidal organisierte türkische Staat an, alle gesellschaftlichen Bereiche von oben nach unten zu lenken.

 

Für die verschiedenen Gruppen, die die türkische Gesellschaft ausmachen, ist von daher die Staatsmacht ein Objekt der Begierde. Alle Mittel sind recht, um sich die Macht anzueignen oder Einfluss auf sie zu nehmen: ein Militärputsch, die gezielte (und tatsächlich stattfindende) Einschleusung von Gülenisten oder auch Wahlen: Hier in der Türkei gilt nämlich das „Gesetz des Stärkeren“. Das aktuelle politische System der Türkei wird als „Mehrheitsdemokratie“ bezeichnet. Die Macht wird – im Guten wie im Schlechten – nun von einer „Mehrheit“ ausgeübt, die dies alle anderen spüren lässt.

 

Das Pendel schlägt in die andere Richtung

Die Türkei ist mit ihren noch nicht einmal hundert Jahren ein junges Land, das aus der Gewalt heraus geboren wurde und sich unter gewaltsamen Umständen entwickelt hat. Und jetzt, wo doch die Gewalt noch allgegenwärtig ist, möchte man, dass die Türkei eine pluralistische Demokratie sei? Auch wenn die Türkei seit ihren Anfängen immer „zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück“ gegangen ist, so ist sie nichtsdestotrotz vorangeschritten.

 

Die jüngsten Fortschritte erlebte die Türkei Anfang der 2000er Jahre, als die Macht allmählich in die Hände der neuen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten und eines bis dahin von den bisherigen Eliten verachteten Bevölkerungsteils überging, und zwar mit Hilfe von Reformen, die im Rahmen der Verhandlungen mit der EU angegangen wurden. Doch mit der Verlangsamung dieser Reformen, den für andere Bevölkerungsgruppen bestehenden Hindernissen, den geopolitischen Entwicklungen der Region und der Persönlichkeit des aktuellen Präsidenten ist es zu einer Radikalisierung der Staatsmacht gekommen; diese hat bewirkt, dass das Pendel komplett in die andere Richtung ausgeschlagen ist und alle anderen Kräfte unterdrückt wurden – denn selber unterdrücken ist besser, als unterdrückt zu werden.

 

Die Überwindung der Angst

Eine Lösung wird nur in einem echten Gesprächsprozess zwischen allen Bevölkerungsgruppen und in einem neuen Gesellschaftsvertrag zu finden sein. Sie kann aber bloß dann erreicht werden, wenn alle ihre Angst voreinander verlieren und nicht länger ihre eigenen Sicherheitsinteressen auf Kosten anderer verfolgen. Damit dies gelingt, wäre eine unparteiliche Unterstützung von außen höchst wünschenswert. Der EU-Integrationsprozess hätte als Katalysator dienen können, aber dazu müssten die europäischen Länder ihre eigenen Ängste überwinden und sich ernsthaft auf Seiten des türkischen Volkes engagieren. Aber das ist wohl leider noch Zukunftsmusik.

Jean-Marc Balhan SJ

 

Gastdozent am Centre Sèvres (Jesuitenhochschule in Paris) und Mitglied des Centre Interdisciplinaire d’Etudes de l’Islam dans le Monde Contemporain (CISMOC, Katholische Universität in Löwen);

seit 2001 lebt er in Ankara in der Türkei.

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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