Samstag 21. Oktober 2017
#196 - September 2016

Vernichtung – die richtige Antwort auf den Terrorismus?

Die terroristischen Anschläge der vergangenen Monate haben Europa erschüttert. Gerhard Beestermöller, Professor für theologische Ethik an der Luxemburg School of Religion and Society, sucht nach einer angemessenen Antwort aus christlicher Sicht.

Der Nationalismus musste vernichtet werden, so hört man immer wieder, weil er böse war. Weiter hiess es: Auch wenn man den sogenannten Islamischen Staat nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichen dürfe – jeder Vergleich hiermit ist unangemessen -, so könne man doch sagen, dass auch der IS böse sei. Man dürfe mit ihm keinen Frieden schließen. Er müsse vernichtet werden. Kann man dieser Argumentation etwas entgegenhalten?

 

Die Falle des Manichäismus

Es gibt die begründete Sorge, dass hier ein neuer Manichäismus entsteht. Für den Manichäismus stellt sich die Weltgeschichte als der große Kampf zwischen den Streitern des Lichts und der Finsternis dar. Wer so denkt, ist in Gefahr, andere Menschen zu verteufeln und sich selbst heilig zu sprechen. So entsteht Feindschaft und Vernichtungswille. Jede Seite führt am Ende einen heiligen Krieg. Kann diese Haltung die adäquate Antwort aus dem Geist des Evangeliums sein? Ist tödliche Feindschaft die einzige Alternative zu einem blauäugigen Appeasement?

 

Die Tradition christlicher Soziallehre stellt als Alternative die Lehre vom gerechten Krieg vor Augen. Interessanterweise entfaltete Thomas von Aquin seine Kriegslehre im Rahmen der von Gott geschenkten Tugend der Gottes- und Nächstenliebe. Krieg kann für ihn nur legitim sein, wenn er ein Akt dieser Liebe ist. Doch kann es Krieg aus und in Liebe geben?

 

Gerechter Zorn

Die gesamte Tradition waren davon überzeugt, dass so etwas möglich ist. Unrecht löst bei einem Menschen, der von der Gottesliebe erfüllt ist, gerechten Zorn aus. Gerechter Zorn ist eine Gemütsverfassung, die Anteile von Liebe und Hass in sich aufnimmt. Der Liebende bejaht den Geliebten und will ihm gut. Der Hassende lehnt den Gehassten ab und will ihm böse. Der Zornige lehnt die Ungerechtigkeit dessen ab, über den er sich empört, will ihn aber zu Gerechtigkeit und Frieden zurückführen.

Gerechter Zorn geht einher mit Tapferkeit, mit der Bereitschaft, auch angesichts von Todesgefahren für das, was gerecht und gut ist, einzustehen. Modern gesprochen geht es um eine Haltung der gewaltbewährten Friedfertigkeit. Es geht um die durchaus auch gewaltbereite Entschiedenheit, dem Unrecht entgegenzutreten, verbunden mit der gleichen Entschiedenheit zur Kritik an sich selbst; es geht darum, den anderen zuzuhören, zu versuchen, sie zu verstehen und mit unerschütterlicher Offenheit nach Chancen für Frieden zu suchen.

 

Offenheit für die ganze Wahrheit

Was heisst das konkret? Beispielsweise offen zu sein für die ganze Wahrheit. Man konnte in den westlichen Medien lesen und hören, dass die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria 200 Mädchen entführt hat, von denen die meisten immer noch verschwunden sind. Was aber nirgendwo zu hören war, ist, dass dem die Entführung von muslimischen Mädchen durch christliche Soldaten vorausgegangen ist. Selbstverständlich legitimiert dies nichts, nimmt aber die Möglichkeit der manichäistischen Empörung.

 

Zur Vorgeschichte des IS gehört der ungerechte Krieg von George W. Bush gegen den Irak. Ist jemand dafür zur Rechenschaft gezogen worden, dass im Sicherheitsrat gefälschte Beweise für ein Nuklearprogramm vorgelegt wurden? Wie vielen Zigtausenden hat der Krieg das Leben gekostet? Man wusste schon damals, dass die sogenannten „friedlichen Sanktionen“ der Clinton-Administration Hunderttausenden das Leben kostete, weil keine Medikamente, kein Milchpulver usw. mehr ins Land kamen. Hat dies in Europa große Empörungswellen ausgelöst?

 

Versöhnungsbereitschaft

Das schwerste Verbrechen für mittelalterliche Menschen war Häresie, die das ewige Heil gefährdete. Daher durften Häretiker bekämpft und notfalls getötet werden. Wenn aber ein Häretiker bereute, sollte ihm verziehen, und er sollte sogar in seine vorherigen Ämter eingesetzt werden, weil dies dem Frieden am besten diente. Mit welcher inneren Haltung treten wir denen gegenüber, die sich zum Beispiel vom IS wieder abwenden? Mit der des barmherzigen Vaters des Evangeliums? Wie verhält sich die Idee der Versöhnungsbereitschaft zu der des Rechtsstaats? Sind wir klug beraten, Rechtsstaatlichkeit als den letzten Horizont unseres staatlichen Selbstverständnisses anzusetzen? Oder lässt sich dieser Rahmen von der Idee des Friedens noch einmal relativieren?

 

Wir dürfen und müssen uns verteidigen; aber in der Haltung dessen, der weiß, dass es Frieden nur geben wird, wenn er auch die berechtigte Klage der anderen Seite sieht, und das Unrecht bei sich selbst mit gleicher Entschiedenheit bekämpft.

 

 Prof. Gerhard Beestermöller

 Luxemburg School of Religion and Society

 

 

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