Montag 21. August 2017

„Verschwundene” minderjährige Flüchtlinge in Europa

Tausende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verschwinden aus den Aufnahmeeinrichtungen in Europa, und die nationalen Behörden wissen nicht, wo sie sind.

Nach Angaben von Eurostat gilt ein Teil der mehr als 69.000 Asylsuchenden im Kindes- und Jugendalter, die 2015 allein in die EU einreisten, als vermisst. Andere minderjährige Flüchtlinge wurden auf der Fluchtroute von ihren Familien getrennt. Zwar liegen nur spärliche Informationen vor, doch Berichten zufolge verschwinden bereits seit Jahren Flüchtlingskinder spurlos aus den Aufnahmeeinrichtungen, in denen sie von den nationalen Behörden in Europa untergebracht worden sind.

 

Eine von Terre des Hommes im Jahr 2009 veröffentlichte Studie stellte schon damals fest, dass „die Hälfte der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge früh aus den Aufnahmezentren in Belgien, Frankreich, Spanien und der Schweiz verschwindet, zumeist innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Inobhutnahme“. Neuere Untersuchungen von Europol vom Februar 2016 gehen davon aus, dass in den vergangenen zwei Jahren mehr als 10.000 nach Europa geflohene Kinder und Jugendliche aus den Flüchtlingseinrichtungen, in denen sie untergekommen waren, verschwanden (5.000 in Italien und 1.000 in Schweden).

 

Dieses Problem besteht auch in anderen Ländern: Nach Angaben der British Asylum Screening Unit verschwinden 60 % der allein reisenden Migrantenkinder aus britischen Betreuungszentren und tauchen nicht wieder auf. Bereits 2014 verschwanden in Griechenland 20 % der unbegleiteten Minderjährigen innerhalb der ersten 24 Stunden nach ihrer Ankunft in den Aufnahmeeinrichtungen.

 

Erzwungenes Verschwinden?

Das Phänomen der vermissten jungen Flüchtlinge stellt die Behörden vor eine große Herausforderung, da die Kinder und Jugendlichen zumeist innerhalb der ersten Tage nach ihrer Inobhutnahme aus den Unterkünften verschwinden. Im Jahr 2010 veröffentlichte die Grenzschutzagentur Frontex in ihrem Bericht „Unbegleitete Minderjährige im Migrationsprozess“ Erkenntnisse niederländischer und schweizerischer Behörden in Bezug auf nigerianische Menschenhändlerringe, die zumeist 15- bis 17-jährige Mädchen per Flugzeug nach Europa bringen. Bei ihrem Eintritt in die EU beantragten diese unverzüglich Asyl und riefen sofort nach ihrer Aufnahme in einer Aufnahmeeinrichtung für Jugendliche eine Kontaktperson an, die sie von dort entführte.

 

Diese organisierte Kriminalität kann in einigen Fällen das Verschwinden unbegleiteter Kinder und Jugendlicher erklären: Sie werden in ein EU-Land geflogen, um dort Asyl beantragen zu können, ohne an der Grenze zurückgehalten zu werden. In anderen Fällen werden allein reisende Minderjährige nach ihrem Eintritt in das Zielland Opfer von Menschenhandel. Ferner gibt es Kinder, die auf der Flucht von ihren Familien getrennt wurden und nun eigenständig die Aufnahmeeinrichtungen verlassen, um ihre Angehörigen zu suchen. Möchte man das Phänomen des „Weglaufens“ verstehen, so muss schließlich noch ein weiterer wichtiger Aspekt berücksichtigt werden: Bei einem Großteil der unbegleiteten Minderjährigen handelt es sich um 14- bis 17-jährige Jungen, die ihre eigene Situation erfassen können und sich selbst ein Bild von ihrer Zukunft in staatlicher Obhut machen. Sie kommen oft in Einrichtungen, die eigentlich für sehr junge Flüchtlinge gedacht sind, und gewinnen den Eindruck, die Aufnahmeeinrichtungen seien eine Vorstufe zur Abschiebung. Aus ihrer Sicht kann das staatliche Schutzsystem nicht ihre langfristigen Interessen befriedigen. Darüber hinaus besteht oft ein – durch ihre traumatischen Erfahrungen in den Herkunfts- und Transitländern verstärktes – Misstrauen gegenüber staatlichen Behörden.

 

Was kann getan werden?

Zunächst einmal sollten bei der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge die für den Kinderschutz geltenden Maßgaben angelegt werden und nicht Kriterien für den Umgang mit illegalen Migranten. In diesem Zusammenhang betont die von allen EU-Mitgliedstaaten ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention die Bedeutung eines besonderen Schutzes und einer besonderen Hilfe durch den Staat, „wenn ein Kind […] vorübergehend oder dauernd aus seiner familiären Umgebung herausgelöst wird“ (Art. 20.1). Überdies verpflichtet die UN-Konvention die Vertragsstaaten dazu, „die Eltern oder andere Familienangehörige eines Flüchtlingskinds ausfindig zu machen mit dem Ziel, die für eine Familienzusammenführung notwendigen Informationen zu erlangen” (Art. 22.2).

 

Leider wird nach vermissten minderjährigen Flüchtlingen nicht mit der gleichen Eile gefahndet wie in Fällen, in denen normalerweise nach vermisst gemeldeten Kindern gesucht wird. Möchte man verhindern, dass Flüchtlingskinder spurlos verschwinden, so ist es unerlässlich, von Anfang an eine persönliche Beziehung zu ihnen herzustellen und ihre spezifischen Bedürfnisse und Erwartungen frühzeitig zu erkennen. Darüber hinaus sollten auch die entsprechenden Einrichtungen und angebotenen Hilfen altersgerecht sein (bei den meisten der unbegleiteten Minderjährigen handelt es sich, wie gesagt, um männliche Jugendliche und nicht um Kleinkinder). Und schließlich ließe sich durch die Einbeziehung „wohlgesonnener“ Institutionen (wie beispielsweise der Kirchen und religiösen Gemeinschaften) eine vertrauensvollere Atmosphäre in den staatlichen und kommunalen Einrichtungen zur Unterbringung von Flüchtlingen schaffen.

José Luis Bazán

 COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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