Freitag 15. Dezember 2017

Vom europäischen Traum betrogen

Wir alle sind derart besitzergreifend, dass wir selbst von unserem Besitz besessen sind. Und was für den einzelnen EU-Bürger gilt, gilt auch für die EU in ihrer Gesamtheit.

Ostern war dieses Jahr sehr früh, so dass die Enthaltsamkeit der Fastenzeit bis zum Erscheinen der Aprilausgabe von EuropeInfos von der legitimen Rückkehr zur lockereren Disziplin des Alltaglebens abgelöst sein wird. Es wäre ein Fehler zuzulassen, dass uns die Osterfreude den Blick auf das, was uns die Fastenzeit an Gutem beschert hat, verschließt. Genauso wenig dürfen wir vergessen, dass immer mehr Menschen in Europa, unserem Heimatkontinent, gezwungen sind, 365 Tage im Jahr in Enthaltsamkeit und Abstinenz zu leben. Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22. März, die wegen ihrer gefühllosen Gewalttätigkeit zu verurteilen sind und die die Grundwerte unserer offenen demokratischen Gesellschaft angreifen, erinnern uns daran, wie wenig wir unserer Leben in der eigenen Hand haben. 

 

Die in Balham, Batignole, Ballymun oder im 5. Bezirk von Wien in Armut aufwachsenden Kinder, die arbeitslosen Hochschulabsolventen Griechenlands, Portugals oder Spaniens, die schlecht bezahlten, am Sonntagnachmittag an den Kassen unserer Supermärkte sitzenden Männer und Frauen, die Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten, die zunehmend enttäuscht vor den geschlossenen Toren des neuen Jerusalems, das wir auf den Grundfesten der Römischen Verträge aufzubauen im Begriff waren, auf engstem Raum ausharren müssen - sie alle fühlen sich vom europäischen Traum betrogen. Und dabei ist es doch ganz einfach: Für die oben genannten Menschen und noch viele weitere könnte unser Traum Wirklichkeit werden, wenn wir, die Berechtigten, die EU-Bürgerinnen und -Bürger, diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben und ein Haus in Europa unser Eigen nennen, mit weniger auskommen und den Geist der christlichen Fastenzeit das ganze Jahr über in unserem täglichen Leben wirken lassen würden.

 

Die heilige Therese von Lisieux, auch bekannt unter dem Namen „Kleine Blume“, hat einmal gesagt, dass es ihr Wunsch sei, mit leeren Händen (les mains vides) zu Gott zurückzukehren. Therese hat die Messlatte sehr hoch angesetzt und wurde fast unmittelbar nach ihrem Tod heilig gesprochen. Unsere Ziele werden etwas bescheidener ausfallen. Wir alle hängen an unseren Besitztümern. Wir sprechen von Hab und Gut und gehen unreflektiert davon aus, dass das, was wir besitzen, „gut“ für uns ist. Das Problem ist aber, dass wir alle zu viel haben möchten, dass wir einen ungezügelten Appetit haben. Wir alle sind derart besitzergreifend, dass wir selbst von unserem Besitz besessen sind. Und was für den einzelnen EU-Bürger gilt, gilt auch für die EU in ihrer Gesamtheit. Wir sind zu sehr auf materielles Wachstum, auf Besitz und Eigentum und die Anhäufung von noch mehr Reichtum fixiert. Der im Aufbau befindliche Sozialpfeiler der EU könnte zu einer gerechteren Aufteilung des europäischen Kuchens führen, doch ist es noch ein langer Weg bis zu dem Zeitpunkt, an dem es uns gelingen wird, uns vom Einfluss, den unsere materiellen Begehrlichkeiten auf uns ausüben, zu lösen.

 

Anselm Grün – den ich zutiefst bewundere – hat unlängst ein Buch über die Gier geschrieben. Eine wunderbare spirituelle Lektüre für die Fastenzeit. Geiz spielt eine wichtige Rolle in der europäischen Literatur; wir alle kennen den Geizigen von Molière oder den Geizkragen aus Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte. Anselm Grün analysiert die Gier, doch spricht er in seinem Buch auch von einer Tugend, die im Rahmen der von der EU für sich selbst beanspruchten „Wertegemeinschaft“ ganz einfach fehlt. Bei dieser Tugend handelt es sich um temperantia, um die Mäßigung.

 

Würde es der EU gelingen, all ihre politischen Vorschläge permanent auf den Faktor Mäßigung hin zu prüfen, so könnte die von uns nach wie vor angestrebte Familie der Mitgliedstaaten gerechter aussehen und ihre Güter besser verteilt sein. Die Armen hätten das Gefühl, dass sie uns am Herzen liegen, dass wir ihnen ein größeres Stück des Kuchens abgeben und unsere Türen für all diejenigen öffnen, die in Not sind. Wenn wir ein wenig öfter „nein“ zu Dingen sagen würden, so wie wir es in der Fastenzeit tun, würde es uns mit Sicherheit auch einfacher fallen, anderen gegenüber, insbesondere denen, die weniger haben als wir, mit einem „Ja“ zu begegnen. Möglicherweise ist dies ein Wunschtraum, aber ich habe das europäische Projekt auch immer als Traum verstanden.

 Fr Patrick H. Daly

 COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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