Wednesday 21. August 2019
#186 - Oktober 2015

Vor Schengen

P. Patrick H. Daly

Mit dem Zug oder vom Sessel aus quer durch Europa reisen

In einer seiner Kurzgeschichten schreibt der englische Autor William Somerset Maugham über einen älteren Mann, der die ganze Welt bereist hatte, ohne jemals sein abgelegenes Geburtsdorf in der Haute Savoie verlassen zu haben. Als eifriger Leser war er die baumgesäumten Pariser Boulevards entlanggegangen und hatte im Rausch der Kirschblüten geschwelgt; er war durch Mayfair geschlendert, hatte sich durch das Dickicht des tropischen Regenwaldes auf Borneo gekämpft und war tagelang durch das australische Outback geritten. Mit den Büchern, die er gelesen hatte, hatte er die Welt entdeckt.

 

Ein Tory-Abgeordneter in England schlug kürzlich vor, allen jungen Europäern unter 25 – seien sie nun Erasmus-Studenten oder nicht – einen Eurail-Pass zu schenken, mit dem sie einen Monat lang mit dem Zug quer durch Europa reisen könnten. Denn das Wissen junger Leute über Europa und das europäische Erbe, so argumentierte der Abgeordnete, sei doch recht kläglich.

 

Wenn unsere jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger per Bahn unterwegs sind, werden sie nicht nur Jugendherbergen und Fast-Food-Restaurants zu größeren Umsätzen verhelfen, sondern auch – so möchte man zumindest hoffen – die Glasfenster der Kathedrale von Chartres, die Decken- und Wandmalereien in der Sixtinischen Kapelle, den Tower of London und die Mezquita in Cordoba sehen. Sie können im Riesenrad im Prater hoch hinaufsteigen, vom Gipfel des Croagh Patrick weit über die Clew Bay hinwegblicken oder ehrfurchtsvoll vor der Eiger-Nordwand verharren.

 

Für all diejenigen, die auf Nachtfahrten mit dem Zug oder das Gedrängel an einem Hauptbahnhof zu Stoßzeiten weniger erpicht sind, gibt es eine Alternative.

 

Zahlreiche Meisterwerke europäischer Literatur ziehen ihre Kraft und analytische Schärfe aus ihrem „Sitz im Leben“, d. h. aus ihrer ursprünglichen Entstehungssituation, die auch oft bei der biblischen Exegese mitberücksichtigt wird. Denn wenn wir wissen, wo die Menschen wohnen, und eine Vorstellung von ihrer physischen Umwelt haben, wenn vor unserem geistigen Auge die Landschaft entsteht, die ihr ästhetisches Empfinden prägt, dann hilft uns dies nicht nur dabei, uns ihre Welt (die auch unsere ist) vertraut zu machen, sondern es verstärkt auch noch die Wirkung eines Romans und vertieft unseren Einblick in den menschlichen Charakter und die menschliche Entwicklung. Dieser Literaturschatz, der aus dem Maughams Fantasie entsprungenen Bauern aus Savoyen einen Weltbürger gemacht hat, steht uns allen offen.

 

Mit Heinrich Böll können wir Achill Island vor der irischen Westküste besuchen, mit P. G. Wodehouse durch die saftigen Wiesen des ländlichen Shropshire spazieren und uns zum Tee in Blandings Castle einfinden. Emile Zola kann unser Reiseführer sein, wenn wir zum Schaufensterbummel die eleganten Pariser Boulevards entlangschlendern; Joseph Roth und Stefan Zweig können uns an ihren Tisch im Café Central einladen; und mit Emily Brontë können wir die ausdehnten wilden Moorlandschaften in Yorkshire entdecken. Der belgische Romanschriftsteller Marnix Gijsen, der wie kein anderer das Leben flämischer Dorfgemeinschaften beschreibt und dessen Bronzebüste unter unserem Fenster steht, blickt vom Square de Meeus in Brüssel hinauf zum Büro des Generalsekretariats der COMECE.

 

Romane sind mehr als lediglich fantasievolle landeskundliche Übungen, sie sind nicht nur ein Baedeker für Europa in anderer Gestalt, sondern sie schildern uns mehr als nur die physische Umgebung, in der ihre Figuren leben. In unseren Begegnungen mit den Buddenbrooks, Trottas, Emma Bovary, den Bennet-Schwestern, Natalia Ginzburg und ihrer Mutter oder auch Inspektor Maigret und Hercule Poirot können wir ein Europa entdecken, das auf der Suche nach seiner Seele ist – genau dies macht unsere literarischen Werke so wertvoll und lässt die reichhaltige Literatur der 28 EU-Mitgliedstaaten zu einem einzigartigen Schatz werden. Alle jungen EU-Bürgerinnen und -Bürger können einen Roman aufschlagen, Seiten umblättern und sich auf eine Entdeckungsreise begeben, ohne aus ihrem Sessel aufstehen zu müssen. Dabei können sie sogar ihren Kindle benutzen.

 

Patrick H. Daly

COMECE

Teilen |
europeinfos

Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Editors-in-Chief: Martin Maier SJ

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of the Jesuit European Office and COMECE.
Display:
https://www.europe-infos.eu/