Tuesday 19. October 2021
#187 - November 2015

Vorlage für die COP22 und alle künftigen Klimaschutzverhandlungen

Eine neue Sprache, ein frischer Blick auf altbekannte Realitäten und ein alternativer Vorschlag, wie wir unser Verhältnis zu unserer Welt gestalten sollten.

Im Frühjahr 2016 sind diverse Veranstaltungen und Seminare geplant, mit denen der 125. Jahrtag des Erscheinens der Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. gefeiert werden soll. Rerum Novarum ist die erste einer ganzen Reihe von Sozialenzykliken, die im Laufe der vergangenen 125 Jahren erschienen sind und das Verhältnis der katholischen Kirche zur modernen Welt geprägt haben. Die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus, das zentrale päpstliche Lehrschreiben, dem die vorliegende Sonderausgabe von EuropeInfos gewidmet ist, fügt sich nahtlos in die von Papst Leo XIII. begonnene Tradition ein, beschreitet aber gleichzeitig völlig neue Wege.

 

Laudato si’ ist ein Dokument, das im Gedächtnis der zukünftigen kirchlichen Generationen haften bleiben und einen Ehrenplatz in unzähligen Fußnoten akademischer Zeitschriften, wissenschaftlicher Veröffentlichungen und kirchlicher Lehrschreiben einnehmen wird. Welches Schicksal Laudato si’ auf lange Sicht erfährt, wird in erheblichem Maße davon abhängen, ob sich die Vision der Erde als unser gemeinsam bewohntes Haus, für das wir alle zusammen Verantwortung tragen, in der Zukunftsplanung derjenigen, die unseren Planeten und alles, was mit ihm zusammenhängt, regieren, verankern wird.

 

Vom Fenster des Apostolischen Palastes aus richtete Papst Franziskus das Wort an die Weltgemeinschaft. Der Pontifex wandte sich an alle Männer und Frauen guten Willens. Er habe den Schrei der Armen vernommen, so Franziskus, in diesem besonderen Falle aber auch den Schrei der Erde. Die von ihm heraufbeschworenen Bilder stammen aus der Bibel, finden sich aber auch in der Folklore und in Legenden, in den Märchen und Gute-Nacht-Geschichten wieder, die die Fantasie unzähliger Generationen von Kindern beflügelt haben. Die Tiere sind unsere Freunde und Begleiter, die Welt der unbelebten Natur hat ihre ureigene Persönlichkeit, die liebevolle Gestaltung des Schöpfers spiegelt sich in jeder einzelnen Bewegung der komplexen Maschine wieder, die wir unsere Welt nennen. Eine neue Sprache, ein frischer Blick auf altbekannte Realitäten und ein alternativer Vorschlag, wie wir unser Verhältnis nicht nur zu unserer Welt, sondern zu allen Lebewesen, die sie bevölkern, gestalten sollten, das ist die aufrüttelnde Botschaft des neuen päpstlichen Lehrschreibens.

 

Die EU ist einer der wichtigsten Akteure bei den Klimaschutzverhandlungen in Paris. Unsere Leserschaft gehört, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vorwiegend zur europäischen Familie. Nach unserem Dafürhalten kann Europa, obwohl es in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für bewährte Vorgehensweisen ist und viele der im Rahmen früherer Klimaschutzkonferenzen vereinbarten Ziele bereits umgesetzt hat, noch mehr tun. Wir von EuropeInfos werden uns auch weiterhin der Klimaschutzproblematik widmen und die Veranstaltung eines sämtliche EU-Politikfelder umspannenden Audits zum Thema Klimaauswirkungen anregen. Auch wir setzen uns für eine umfassende Bekämpfung des Klimawandels ein und freuen uns, dass einige der von der COMECE in der Vergangenheit vorgebrachten Anregungen – wie die Verknüpfung mit der Energieversorgung – nunmehr ganz oben auf die Agenda der politischen und wissenschaftlichen Klimaschutzdiskussionen gerückt sind.

 

Papst Franziskus präsentiert keine „To-Do-Liste“; Laudato si’ enthält keine Kästchen, die es anzukreuzen gilt. Vielmehr gibt der Papst der Weltgemeinschaft eine Reihe von moralischen Grundsätzen vor, welche für die Gestaltung einer neuen, kohärenten Vision der Beziehung zwischen Mensch und dem geschaffenen Universum unverzichtbar sind. Laudato si’ ist die Vorlage für alle zukünftigen Klimaschutzdiskussionen. Und es ist gut, dass EuropeInfos das Lehrschreiben in den Fokus seiner aktuellen Ausgabe gerückt hat.

 

Patrick H. Daly

Generalsekretär der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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