Freitag 18. August 2017
#195 - Juli-August 2016

„Warum geht ihr?“

Das Vereinigte Königreich leidet weiterhin unter den Folgen des EU-Referendums, in dem sich 51,9 % der Wählerinnen und Wähler für einen Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen haben.

Wie von meinen beiden Kollegen Patrick Riordan SJ und Frank Turner SJ in ihren jeweiligen Artikeln „Unsere gemeinsamen Werte in der Europäischen Union“ und „Ein folgenschweres und möglicherweise schicksalhaftes Referendum“ unterstrichen, verlief die dem Referendum vorausgegangene Debatte alles andere als vorbildlich. Die auf beiden Seiten von finanziellen Erwägungen beherrschten Argumentationen waren bestenfalls spekulativ, schlimmstenfalls irreführend. Ganz zu schweigen vom aggressiven und feindseligen Ton, in dem die Diskussionen geführt wurden. Und der Tod der britischen Abgeordneten Jo Cox ist einer der traurigsten Momente in der Geschichte der britischen Politik. Doch auch nach dem Referendum bleibt die Lage turbulent und oftmals unerfreulich.

 

In London – neben Schottland und Nordirland eine der lediglich drei Regionen, die sich für den Verbleib in der EU ausgesprochen hat –, steht die Erschütterung den Menschen heute noch genauso ins Gesicht geschrieben wie unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses. Was aber zwischenzeitlich hinzugekommen ist, ist der wachsende Ärger und die Verachtung denen gegenüber, die für den Austritt gestimmt haben. Besondere Verbitterung schlägt den besonders lautstarken Brexit-Befürwortern entgegen, die sich nunmehr weigern, die Verantwortung für die Umsetzung und Gestaltung des von ihnen so vehement verfolgten Ziels zu übernehmen.

 

Die Unzufriedenheit mit dem Ausgang des Referendums (die Berichten zufolge auch bei einigen Protestwählern herrscht, die zwar für den Brexit gestimmt haben, aber nicht im Geringsten mit einem Erfolg gerechnet hatten) ist so groß, dass das Ergebnis nunmehr rechtlich angefochten wird. In Form von Petitionen, Protesten, Facebook Gruppen etc. versuchen die Brexit-Gegner einen Austritt aus der EU zu verhindern. Sie argumentieren damit, der Ausgang sei denkbar knapp gewesen, das Referendum habe lediglich konsultativen Charakter und sei damit für das Parlament nicht bindend, die Öffentlichkeit sei von den Brexit-Befürwortern unzureichend bzw. falsch informiert worden etc.

 

Diejenigen, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben, werden mit Vorwürfen der Ignoranz, des Rassismus und der Engstirnigkeit konfrontiert und sehen sich gezwungen, ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Zwischenfälle, bei denen Migranten aus EU-Mitgliedstaaten beschimpft wurden, haben mit Sicherheit nicht dazu beigetragen, die gegen die Brexit-Befürworter gerichtete Wut zu verringern, doch sollten die Handlungen einiger weniger nicht auf die Allgemeinheit übertragen werden. Eigentlich sollte allen klar sein, dass diejenigen, die sich für den EU-Austritt ausgesprochen haben, genauso viel Recht auf ihre Meinung haben, wie diejenigen, die dagegen gestimmt haben. Die unmittelbare und große Herausforderung besteht nun darin, Brexit-Befürworter und -Gegner miteinander zu versöhnen. Dabei sollten wir uns des Rates des Heiligen Ignatius befleißigen, der gesagt hat: „Es ist besser, die Meinung des anderen positiv zu deuten, anstatt sie als falsch zu verurteilen“ (Exerzitien Abs. 22).

 

Die sowohl in der Labour Party als auch in der regierenden Tory Partei nach dem Referendum entstandenen Unruhen machen diese Aufgabe der Versöhnung wahrlich nicht einfacher. David Camerons Ankündigung, das britische Regierungsschiff vor seiner Amtsniederlegung „in ruhigere Fahrwasser zu steuern“, scheint sich in den ersten beiden Wochen nach dem Referendum nicht bewahrheitet zu haben, doch bleibt zu hoffen, dass sich der Sturm, den die Briten derzeit durchqueren, mit der Wahl eines neuen Parteichefs und Premierministers legen wird.

 

Die heftigen Proteste der Opposition sind jedoch in ein deutliches Zeichen für die tiefe politische Krise, in der sich das Land befindet. Der von der Mehrheit seiner Kollegen im britischen Parlament angezettelte Aufstand gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn, dem vorgeworfen wird, sich in der „Bremain-Kampagne“ nicht deutlich genug für den Verbleib des Landes in der EU ausgesprochen zu haben, wird von den meisten Labour-Anhängern, die Corbyn vergangenes Jahr gewählt haben, nicht unterstützt. Hier wird ein tiefer Graben zwischen dem, was in Westminster geschieht und den politischen Interessen und Diskursen im restlichen Land deutlich.

 

Die Frage, wie es nun weitergehen soll, bleibt für uns Briten genauso unbeantwortet wie für unsere Freunde in Europa und in der restlichen Welt, die genauso schockiert auf dieses Ergebnis reagiert haben. Ich bin gerade aus Irland zurückgekehrt, wo ich jedes Mal, wenn ich mit den Menschen ins Gespräch kam und man meinen Londoner Akzent erkannte, gefragt wurde: Warum? Werdet ihr die EU tatsächlich verlassen? Wer wird euer nächster Premierminister? Was haltet ihr von Boris Johnson? Diese (unbeantwortbaren) Fragen stellen sich nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch im Ausland.

 

Mit Sicherheit jedenfalls hat sich durch das Referendum die Kluft zwischen den Reichen, die einigermaßen gut von der Politik ihres Landes bedient werden, und den Armen, die weniger gut davonkommen, vertieft. Es ist nun an der Zeit, dass wir Briten die wohl lang erwartete Gelegenheit, ja Herausforderung nutzen und unabhängig davon, was nun geschieht, eine Gesellschaft aufbauen, in der die entstandenen Gräben überwunden werden und niemand zu kurz kommt.

Frances Murphy

 Herausgeberin von Thinking Faith

 

 Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

 

 

Teilen |
Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/