Dienstag 23. Mai 2017
#196 - September 2016

„Was hast du mit deinem Bruder gemacht?“

Ein neuer Generalsekretär an der Spitze der COMECE: Gespräch mit Br. Olivier Poquillon, Dominikaner, der sein Amt Anfang September antritt.

Könnten Sie uns bitte in einigen Schlagworten Ihre Herkunft und Ihren beruflichen Werdegang schildern?

 

Ich bin in Frankreich aufgewachsen und stamme aus einer katholischen Familie, die ihren Glauben praktiziert hat, sowohl durch den Besuch der heiligen Messe als auch im täglichen Leben. Eine Familie, in der die Kinder ermutigt wurden, Verantwortung zu übernehmen und sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Mit Großeltern auf beiden Seiten des Atlantiks war die Vielfalt der Kulturen von Geburt an Bestandteil meines Lebens.

 

Sie haben ursprünglich Internationales Recht studiert und zunächst auch in diesem Bereich gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, diese Tätigkeit aufzugeben und in den Dominikanerorden einzutreten?

 

Den Beruf eines Juristen habe ich nicht aufgegeben, sondern, ganz im Gegenteil, vor allem im kirchlichen Dienst ausgeübt. „Jurist“ zu sein bedeutet für mich, eine Ausbildung und eine bestimmte Sicht auf die gemeinsame Organisation unseres Lebens mit anderen zu teilen. „Ordensgeistlicher“ zu sein ist hingegen eine viel weitreichendere Wahl; sie betrifft das ganze Leben und verlangt die Ausübung einer Vielzahl unterschiedlicher „Berufe“. So kann es vorkommen, dass man vormittags einen internationalen Vertrag aushandelt und abends als Studentenpfarrer wirkt. Der juristische Ansatz und die Theologie sind kein Selbstzweck, sondern sich ergänzende Werkzeuge im Dienst der gleichen Mission: den nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Politik zu stellen.

 

Auch auf spiritueller Ebene kann der juristische Ansatz helfen, das Gesetz, das allzu oft als ein von außen auferlegter Zwang dargestellt wird, als enges Korsett, das die individuelle Freiheit einschränkt, zu entdramatisieren. Aus christlicher Perspektive betrachtet ist das Gesetz zunächst ein gemeinsamer Bezugsrahmen, etwas, das für alle gilt, ein wenig wie das Gesetz der Schwerkraft. Das Gesetz ist aber auch das Mittel, das sich die Menschheit gibt, um ihr gemeinsames Schicksal zu organisieren, eine Art ausgefeilte Spielregel im Dialog der Menschen und Völker. In beiden Fällen muss das Gesetz ein Werkzeug der Freiheit sein.

 

Nach Ihrer Priesterweihe haben Sie einen eher ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, der Sie, insbesondere als Militärseelsorger, auf den Balkan, nach Afrika und in den Nahen Osten geführt hat. Welche Einflüsse und Erfahrungen aus dieser Zeit bringen Sie mit nach Brüssel?

 

Meine Arbeit als Militärseelsorger oder meine Tätigkeit bei der UNO sind für einen Dominikaner gar nicht so außergewöhnlich. Sogar der heilige Dominikus hat den Orden im Rahmen einer diplomatischen Mission gegründet. Andere Ordensbrüder sind den bewaffneten Kräften in die „Neue Welt“ gefolgt. Nachdem sie das Leid der Menschen mit eigenen Augen gesehen haben, wie Francisco de Vitoria oder Bartolomé de Las Casas, beide Pioniere auf dem Gebiet des Internationalen Rechts und des Menschenrechts, haben sie versucht, Brücken zu schlagen, damit die politischen Entscheidungen mehr und mehr dem Wohl der Völker dienen.

 

Das persönliche Erleben bewaffneter Konflikte lässt niemanden unberührt, aber die Kriegszonen sind oft auch Orte, an denen Begegnungen stattfinden, angefangen mit sehr konkreten, teils blutigen Zusammentreffen, wo die direkten und indirekten Auswirkungen der in ruhigeren Gefilden getroffenen Entscheidungen sichtbar werden.

 

Die Konfrontation mit Extremsituationen kann das Schlechteste, aber auch das Beste im Menschen hervorbringen. Das ist eine wichtige Lektion der Demut und Brüderlichkeit. Wenn ein Verletzter Blut verliert, so ist dieses Blut immer rot, ganz gleich, woher die Person kommt. Im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden fließt in uns allen das gleiche Blut, und dieses gemeinsame Leben wurde uns gegeben, um es miteinander zu teilen. Inwieweit bin ich für den anderen verantwortlich? Für Christen ist dies eine gute Gelegenheit, einen Antwortversuch auf die Frage Gottes an Kain „Was hast du mit deinem Bruder gemacht?“ zu unternehmen.

 

Unabhängig vom ethnischen, kulturellen oder religiösen Hintergrund, vom Bildungsniveau oder Lebensstandard der Akteure eines Konflikts kann man feststellen, dass wir alle die gleichen Ängste, Sorgen und Hoffnungen haben.

 

Die Gewalt des Krieges zwingt dazu, die Augen zu öffnen für diese grundlegende gegenseitige Abhängigkeit, die über die kurzfristigen Interessen von Einzelnen und Gesellschaften hinausgeht. Wie uns die derzeitige Migrationskrise zeigt, leben wir nicht in abgeschotteten Bereichen, sondern sind, ob wir es wollen oder nicht, durch eine Schicksalsgemeinschaft miteinander verbunden. Die Erde ist rund, und die Krise der einen wird früher oder später auch zur Krise der anderen. Das einzige Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt, das höchste strategische Ziel ist für den Soldaten ebenso wie für den Diplomaten und Staatsmann daher der Frieden. Ich erinnere daran, dass sich die europäische Einigung auf ebendieses Ziel gründet.

 

Das Leben im Irak hat mir die Erfahrung vermittelt, dass Gesellschaften und Zivilisationen sterblich sind. Alle wirtschaftlichen Kräfte, Technologien und natürlichen Ressourcen können nichts ausrichten, wenn das gemeinsame Projekt, das soziale Gefüge, der Zusammenhalt fehlen. Das Römische Reich hat mit allen Mitteln versucht, die Lücken an seinem Rand zu schließen, während sich sein Zentrum zersplitterte und auflöste.

 

Die Krisen sind jedoch eine gute Gelegenheit für uns, uns selbst zu hinterfragen. Was ist also heute das Gesellschaftsprojekt für Europa? Was wollen wir gemeinsam auf diesem Kontinent machen? Wenn uns diese Frage dazu anregt, Kraft aus unseren eigenen Wurzeln zu schöpfen, um ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen, dann ist es meines Erachtens genau diese Frage, die die Kirche den Europäern heute stellt.

 

Sie haben auch den Dominikanerorden bei den Vereinten Nationen vertreten. Hat diese Aufgabe ebenfalls Ihre Sichtweise von Europa geprägt?

 

Das steht außer Frage. Die UNO und die EU sind beide aus dem Wunsch heraus entstanden, das erneute Ausbrechen der den beiden Weltkriegen zugrunde liegenden Konflikte zu verhindern. Die Tatsache, dass diese Konflikte ihre Ursprünge in Europa hatten, aber auch dass die früheren Feinde ihre historischen Antagonismen überwanden, um sich gemeinsam auf den Weg der Einigung zu begeben, gibt unserem Kontinent einen einzigartigen Status.

 

Das Europa der 28 würde in hohem Maße davon profitieren, wenn es sich stärker seiner Besonderheit bewusst würde und diese Form eines konstruktiven Dialogs auf die weiteren 165 Mitgliedstaaten der UNO ausdehnte. Europa kann stolz darauf sein, seiner Bevölkerung Jahrzehnte des Friedens gebracht zu haben. Wenn Europa sein seelenloses Image als „Geldgeber“ und „Oberlehrer“ hinter sich lassen möchte, muss es sich zweifelsohne stärker erklären und es wagen, neue fairere Partnerschaften zum Nutzen aller zu knüpfen.

 

Die EU und die Vereinten Nationen haben eine gemeinsame Herausforderung zu meistern: Sie müssen – und daran werden sie von der Kirche unaufhörlich erinnert – den Menschen wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Politik stellen. Dies geschieht zweifellos dadurch, dass Subsidiarität, Mitwirkung und die im Dienste des Gemeinwohls geteilte Verantwortung aufgewertet werden. In der Regel des heiligen Augustinus, der von der anderen Seite des Mittelmeers stammte, heißt es: „Was alle betrifft, muss von allen verhandelt werden.“

 

Sie beginnen Ihr Mandat als Generalsekretär der COMECE in einer Zeit voller Herausforderungen, sowohl für Europa als auch für die Kirche. Was erwartet man Ihrer Meinung nach in Europa von der Kirche? Welche Erwartungen hat die Kirche ihrerseits an die Europäische Union?

 

Es gibt heute eine Vertrauenskrise im Hinblick auf Institutionen ganz allgemein und auf die europäischen Institutionen im Besonderen. Die Kirche gründet auf dem Glauben, d. h. auf Vertrauen. Die jüngsten Attentate in Europa haben, so denke ich, deutlich gemacht, dass die Kirche in der Lage ist, den Menschen zu ermöglichen, wieder Vertrauen zu fassen und sich neu dafür zu entscheiden zusammenzuleben.

 

Die Völker Europas stellen sich zwei zentrale Fragen: „Was haben wir gemein?“, aber vor allem: „Was wollen wir gemeinsam machen? Was sind unsere gemeinsamen Projekte?“ Die Kirche kann den politischen Handlungsträgern zur Seite stehen, wenn diese sich fragen, wie sie ihren Mitbürgern am besten dienen können. Die Glaubwürdigkeit unserer Institutionen hängt davon ab, inwieweit es ihnen gelingt, als Einrichtungen wahrgenommen zu werden, die den Menschen in ihrem Alltagsleben wirklich dienlich sind.

 

Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie selbst im Hinblick auf die neue, Ihnen anvertraute Aufgabe?

 

Im aktuellen Kontext ist es eine wirkliche Herausforderung, dem Dialog der EU-Institutionen mit der katholischen Kirche in Europa zu dienen. Ich hoffe, dass die gegenwärtige Krise uns dazu bringt, mutig die echten Fragen anzugehen, dank derer wir neu erstarken und vorwärtsschreiten können.

 

Europa – das ist in erster Linie ein Gebiet, ein Kontinent, und das sind die dort wohnhaften Völker. Die Männer und Frauen, die in Europa leben, müssen sich nun Gedanken machen und dann entscheiden, was sie gemeinsam machen möchten.

 

Indem die Kirche das soziale Gefüge stärkt, ihre eigene Erfahrung einbringt, neuen Sinn stiftet und gemeinsam mit Menschen guten Willens Brücken baut, kann sie gewiss einen wertvollen Beitrag zur Stärkung des Gemeinwohls in Europa leisten.

 

Michael Kuhn und Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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