Montag 1. Mai 2017
December issue #199

Welche Zukunft hat der Irak?

Anlässlich der 19. Jahrestagung der Europäischen Volkspartei (EVP) mit den Kirchen und religiösen Institutionen, die am 20. und 21. Oktober 2016 stattfand und an der auch die COMECE teilnahm, sprach der Erzbischof von Kirkuk, Msgr. Yousif Thomas Mirkis o.p. über die Erwartungen der irakischen Christen im Hinblick auf die Zukunft ihres Landes. Auszüge:

Die ganze Welt räumt ein, dem Phänomen des Islamischen Staats machtlos gegenüberzustehen. Am deutlichsten äußert sich dies wohl in einem Gefühl der allgemeinen Mutlosigkeit politischer Akteure und im Fehlen einer längerfristigen Perspektive.

 

Die Staaten und die religiösen Institutionen müssen in die Lage versetzt werden, der Ideologie des IS durch Verbreitung einer Kultur der Freiheit, durch intellektuelle Arbeit, Öffnung, Toleranz, Liebe, Brüderlichkeit, Koexistenz und die Achtung der Menschenrechte und der Vielfalt entgegenzutreten und sie zu entlarven. Dies wird nur gelingen, wenn wir die Grundlagen für Bildung und Entwicklung durch nachhaltige Friedens- und Stabilitätsprozesse schaffen. Zusammenarbeit mit dem Ziel wahrer Gerechtigkeit erfordert einen mutigen Dialog unter allen Akteuren zur Überwindung der Krisen, die unsere gesamte Region erfasst und uns zermürbt haben. Es ist wichtig, einen Rechtsstaat und Institutionen aufzubauen, die dem Allgemeinwohl dienen werden.

 

Was kann die EU tun?

Mehr Zuwanderung zulassen? Das ist zu einfach. Die Flüchtlingsproblematik wird bereits als eine Belastung angesehen und sie könnte sogar zu einer Gefahr für die Ziel- und Herkunftsländer werden. Europäische Hilfe ist ein zweischneidiges Schwert: wir sind mit einer Reihe von Krisen konfrontiert, die immer akuter werden. Dies ist auch nach der Befreiung von Mossul zu erwarten. Es ist daher von grundlegender Bedeutung, bereits heute die zur Beendigung der Krise erforderlichen Maßnahmen zu treffen.

 

Wir brauchen einen neuen „Marshall-Plan“ auf kurze und lange Sicht, um das Land einschließlich des wirtschaftlichen Bereichs wiederaufzubauen. Wirtschaftliche Aussichten sind notwendig, damit die Leute im Land bleiben.

 

Die Rolle der Religionen

Als die Amerikaner den Irak besetzten, setzten sie auf das Sektierertum. Damals gewannen sie die Schlacht, verloren aber den Frieden. Das Volk sah keine Verbesserung und konnte sich somit auch nicht der Idee der Demokratie anschließen. Die Iraker wurden nicht in gemeinsame Wiederaufbauaktivitäten einbezogen. Die Marginalisierung der Sunniten war ihre große Niederlage.

 

Wir brauchen eine große Vision

Wir müssen die strategischen Interessen identifizieren und Pläne entwickeln, die uns aus der Identitätsfalle herausführen, im Rahmen derer die Milizen eine negative Rolle spielen. Wir müssen die Abhängigkeiten überwinden, aufgrund derer es zu Kämpfen und Racheakten und zu all dem kommt, was die Minderheiten an einer Zukunftsperspektive und einem möglichen Frieden zweifeln lässt. Wir sollten uns fragen, wie wir die Integration aller erreichen und einer nationalen Identität Glaubwürdigkeit verleihen können, anstatt in altes Stammesdenken und Sektierertum zurückzufallen.

 

Die EU könnte klarer arbeiten

Die Stärke der EU liegt in der Wirtschaftsdiplomatie. Die allgegenwärtige Korruption muss bekämpft werden. Die EU müsste ein Recht auf Einsicht in die Entwicklung und Kontrolle des Handels haben, um zu verhindern, dass ihre Hilfe wie Wasser im Sand versickert und die Verschuldung noch weiter ansteigt. Frieden für alle erfordert den Wiederaufbau einer gesunden Wirtschaft. Dabei ist darauf zu achten, dass die Hilfe nicht zu einer Belastung wird, die unsere wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit noch verschärft.

 

Auf lange Sicht

Zudem sollte ein langfristiger Aktionsplan erarbeitet, der die Aufgaben unter den EU-Mitgliedstaaten verteilt, damit der Irak von den spezifischen Erfahrungen der einzelnen EU-Staaten profitieren kann (insbesondere von denen der neuen Mitgliedstaaten, denen es gelungen ist, Wege aus der Krise zu finden). Auf diese Weise lernen wir, auf eigenen Füßen zu stehen, selbst wenn wir den Gürtel enger schnallen müssen, um ein verantwortungsvolles Wirtschaftswachstum zu erzielen. Wir müssen wieder damit beginnen, uns um unsere Landwirtschaft und unsere Industrie zu kümmern, um uns nicht in der Sorglosigkeit des Konsumdenkens zu verlieren.

 

Eine gesunde Demokratie braucht Zeit

Es ist wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, so wie es Ihre alten Länder getan haben, indem sie die EU gründeten, um die Bruderkriege zu beenden.

 

Helfen Sie uns, indem Sie Beobachter und Berater schicken, die uns davon überzeugen, nicht durch ständige Wiederholung derselben Fehler zurückzufallen. Es hat viel Zeit und viele Opfer erfordert, bis Sie zu Ihrem gemeinsamen Handeln und zu Ihren Institutionen gefunden haben. Jetzt sind wir dran, mit Ihrer Hilfe.

 

Dieses gemeinsame Handeln, diese Versöhnung und diesen Wiederaufbau – all dies erhoffen wir uns von den Völkern Europas, und nicht nur Waffen und Unterhaltung.

 

Msgr. Yousif Thomas Mirkis o.p.

Erzbischof von Kirkuk und Sulaimanyah, Irak

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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