Montag 20. November 2017
November Ausgabe #209

Wiederentdeckung des europäischen Gemeinwohls

Beim folgenden Artikel handelt es sich um eine bearbeitete Version eines von „Passion for Europe” (Leidenschaft für Europa), einer Gruppe von Katholiken aus sieben Nationen, verfassten Textes. Diese vom JESC koordinierte Gruppe erhofft sich eine Neubelebung der EU im Geiste der Visionen ihrer Gründerväter und ist davon überzeugt, dass Christen dazu einen besonderen Beitrag leisten können.

Inspiration der europäischen Gründerväter und die Soziallehre der Kirche

 

Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität, Beteiligung, Gemeinwohl, allgemeine Bestimmung der öffentlichen Güter, vorrangige Option für die Armen und Nachhaltigkeit sind grundlegende Prinzipien der Soziallehre der Kirche. Viele von ihnen haben die Begründung des Europäischen Projekts inspiriert.

 

Solidarität ist das Herzstück des europäischen Integrationsprozesses. Eine „Familie von Völkern“, so nannte Papst Franziskus Europa in seiner Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises. Solidarität sollte über eine interne Mittelübertragung zugunsten der Kohäsionspolitik hinausgehen und als Maßstab des gemeinsamen Handelns verstanden werden. Robert Schuman vertrat die Auffassung, dass Nationen keineswegs autark seien, sondern sich gegenseitig unterstützen sollten; Solidarität beruht ihm zufolge auf der Überzeugung, dass es im wahren Interesse aller sei, die gegenseitige Abhängigkeit anzuerkennen und in der Praxis umzusetzen.

 

Alles in allem spiegelt diese Vision klar die Soziallehre wider, der zufolge „die Solidarität [...] die angeborene Sozialität der menschlichen Person […] in besonderer Weise zur Geltung“ bringt (Kompendium der Soziallehre der Kirche, 192). Jean Monnets Bestreben war es nicht, Staaten in einer Koalition zusammenzuschließen, sondern Menschen zu vereinen.

Ein weiteres Prinzip der kirchlichen Lehre spiegelt sich in dem Gedanken Schumans, dass das Gemeinwohl über nationalen Interessen steht. Auch dieser Aspekt weist Parallelen zur Soziallehre auf, der zufolge Gemeinwohl verstanden wird als „die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen“ (Gaudium et Spes, Abs. 26).

 

 

Ein neuer europäischer Humanismus

Wie Papst Franziskus am 24. März 2017 anlässlich des 60. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge erklärte, findet Europa „wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist“. Er warnte in diesem Zusammenhang auch vor der „Versuchung, die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren“.

 

In ihrer Lehre erkennt die katholische Kirche an, dass im Kontext der Globalisierung „die Verwirklichung des Gemeinwohls […] sich zu einem Ziel [entwickelt], das nicht länger von einzelnen Staaten erreicht werden kann” (Sozialkompendium, 442). Dies anzuerkennen bedeutet, in Bezug auf Europa die Notwendigkeit festzustellen, dass eine von allen anerkannte öffentliche Weltautorität eingesetzt wird“, die „das Gemeinwohl anstreben und das Subsidiaritätsprinzip achten“ muss (Sozialkompendium, 441). Schuman verwies auf ebendieses Prinzip, als er sagte, dass jede supranationale Organisation über die einzelne Nation hinausgeht, und zwar nicht, um diese zu herabzusetzen oder zu absorbieren, sondern um ihr einen größeren und weiteren Handlungsspielraum zu geben. Das Prinzip der Subsidiarität ist in die institutionelle Ordnung Europas als ein Prinzip der Governance eingeführt worden.

 

Subsidiarität, Sorge um die Ärmsten und die allgemeine Bestimmung der Güter

Die Schlüsselfrage lautet daher: Wie lässt sich in der europäischen Politik das Prinzip der Subsidiarität nicht nur zwischen den unterschiedlichen Regierungs- und Verwaltungsebenen (EU-Governance), sondern auch in den Bereichen Wirtschaft und Soziales zugunsten der Menschen (EU-Hilfsprogramme) konkretisieren? Es geht hier um die Erfüllung der Menschlichkeit und die Achtung der Menschenwürde. Menschen entsprechen in jeglicher Organisationen nur dann ihrer Berufung, wenn sie ihre Kreativität entfalten können und wenn denen, die sonst ausgeschlossen würden, ein Platz eingeräumt wird. Nach Denis de Rougemont ist das höchste zu erringende Gut Europas die Menschenwürde.

 

Dies steht in deutlichem Zusammenhang mit einem anderen grundlegenden Prinzip der Soziallehre: der vorrangigen Option für die Armen; diesem Prinzip zufolge zeigt sich die Menschlichkeit einer Gesellschaft in der Art und Weise, wie sie mit den Schwächsten und Schutzbedürftigsten umgeht. Es bezieht sich auch auf das Konzept der „Kreativität des Bürgers als eines aktiven Subjektes” (Sollicitudo Rei Socialis, 15), dem bei der Neubelebung Europas besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. In dieser Hinsicht ist Beteiligung eine logische Konsequenz der Subsidiarität.

 

Schließlich sollte bei der EU das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter mit der Nachhaltigkeit einhergehen. Papst Franziskus führt dazu aus: „Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen" (Enzyklika Laudato Si’, 13). Auf der anderen Seite könnte Europa so handeln, dass die „neuen technischen und wissenschaftlichen Kenntnisse […] in den Dienst der vorrangigen Bedürfnisse des Menschen gestellt werden, damit der gemeinsame Besitz der Menschheit schrittweise anwachsen kann“ (Sozialkompendium, 179). In diesem Sinne lud Papst Franziskus in seiner Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises dazu ein, „den Blick [zu] weiten“, um „eine Integration zu fördern, die in der Solidarität die Art und Weise findet, wie die Dinge zu tun sind, wie Geschichte gestaltet werden soll.“

 

Gruppe „Passion for Europe” (Leidenschaft für Europa)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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