Dienstag 23. Mai 2017
#194 - Juni 2016

Wird der Rubikon überschritten?

Die Europäische Union stellt das Genome Editing auf den Prüfstand.

Ein möglicher Brexit ist nicht das einzige Schreckgespenst, das der EU Sorge bereitet, wenn sie den Blick auf die andere Seite des Ärmelkanals richtet. Zu Beginn des Jahres hat die britische Behörde für menschliche Fertilisation und Embryologie (Human Fertilization and Embryology Authority) im Bereich der Bioethik grünes Licht für die genetische Veränderung von menschlichen Embryonen gegeben, die durch künstliche Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation) entstanden sind.

 

Die diesbezüglichen Kontroversen gehen über die britischen Landesgrenzen hinaus. In der EU hat die Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien (EGE) unlängst eine Stellungnahme zu diesem Thema verabschiedet. Diese Gruppe ist ein unabhängiges Beratungsgremium des Präsidenten der Europäischen Kommission zu den ethischen Aspekten, die sich in diesen Bereichen im Zusammenhang mit der EU-Gesetzgebung bzw. der EU-Politik ergeben können.

 

Genetische Veränderungen können entweder an Körperzellen oder an (reproduktiven) Keimzellen vorgenommen werden, wobei sie im zweiten Fall auf eine eventuelle Nachkommenschaft übertragen werden. Unterschieden werden kann dabei zwischen Veränderungen, die Forschungszwecken dienen und solchen, die reproduktive Ziele verfolgen. Differenziert werden kann aber auch nach dem Ziel, das mit dem Eingriff verfolgt wird. So kann dieser zu rein therapeutischen Zwecken oder aber zur Leistungssteigerung des menschlichen Körpers (Human Enhancement) erfolgen. Das COMECE-Sekretariat hat bereits eine Anmerkung zum Human Enhancement herausgegeben, dessen Verfechter für gewöhnlich mit Bewegungen wie dem so genannten Transhumanismus oder dem Posthumanismus in Verbindung gebracht werden. In beiden Bewegungen geht es um eine Erweiterung der Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren.

 

Unabhängig von der Art der an menschlichen Embryonen vorgenommenen genetischen Veränderungen werfen diese Eingriffe zunächst einmal zwei grundsätzliche Fragen auf. Zum einen werden bei diesen Verfahren Embryonen verwendet, die auf dem Wege der künstlichen Befruchtung entstanden sind (mit allen – ausführlich in lehramtlichen Dokumenten wie beispielsweise Donum Vitae (1987) und Dignitas Personae (2008) erläuterten – ethischen Problemen, die sich im Zusammenhang mit diesen Techniken stellen). Zum anderen werden zur Entwicklung und Verbesserung dieser Technologien Forschungsmethoden eingesetzt, die die Zerstörung von Embryonen zur Folge haben.

 

Ziel der Forschung im konkreten britischen Fall ist es, den Prozess der Entwicklung eines gesunden menschlichen Embryos bestmöglich zu verstehen, um so die Effizienz der In-vitro-Fertilisationstechniken selbst zu verbessern. Möglichst präzise Kenntnisse der Gene, die die Entwicklung des Embryos beeinträchtigen oder behindern und beispielsweise Fehlgeburten auslösen können, würden es erlauben, diese defekten Gene sozusagen zu „korrigieren“ oder „auszuschalten“, was in der Tat einer echten Therapie entspräche. In der Praxis jedoch – und genau so funktioniert die Präimplantationsdiagnostik (PID) – führt dieses Wissen dazu, dass nur gesunde Embryos eingepflanzt und diejenigen mit defekten Genen weggeworfen werden, was weitere ethische Probleme aufwirft.

 

Auf jeden Fall können genetische Eingriffe zu unerwarteten Mutationen in anderen Teilen des Genoms führen, darunter auch zu Mutationen, die auf eine eventuelle Nachkommenschaft übertragen würden. Zu dieser Frage nimmt Dignitas Personae eindeutig Stellung: „Weil die mit jeder Genmanipulation verbundenen Risiken beträchtlich und noch wenig kontrollierbar sind, ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt moralisch nicht erlaubt, etwas zu tun, das mögliche davon herrührende Schäden auf die Nachkommen überträgt.“ Dieser Standpunkt wird auch im Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarates (Übereinkommen von Oviedo), konkret in Artikel 3, zum Ausdruck gebracht.

 

 

Die Bedenken der EGE

In ihrer Stellungnahme „warnt die EGE davor, die Debatte auf Fragen der Sicherheit und die potenziellen gesundheitlichen Gefahren oder Vorzüge der Genome Editing-Technologien zu reduzieren. Hier stehen eindeutig andere ethische Grundsätze wie die Menschenwürde, Gerechtigkeit, Gleichheit, Verhältnismäßigkeit und Selbstbestimmung auf dem Spiel, Grundsätze, die in die erforderliche Diskussion mit dem Ziel einer internationalen Regelung des Genome Editing einfließen sollten“.

 

Die Beratungsgruppe befasst sich nicht nur mit den menschlichen, sondern auch mit den nicht-menschlichen Anwendungen der Technologien des Genome Editing. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass es in der europäischen Öffentlichkeit heftige Reaktionen mit Blick auf die Veränderung nichtmenschlicher Lebewesen gibt.

 

Die Mitglieder der Ethikgruppe konnten sich jedenfalls nicht auf einen Konsens hinsichtlich der ethischen Bewertung der Veränderung der menschlichen Keimbahn zu reproduktiven Zwecken einigen. Einige von ihnen vertreten den Standpunkt, dass ein derartiger Eingriff ethisch nicht gerechtfertigt sei und fordern die Aufrechterhaltung des diesbezüglichen Verbots in Artikel 13 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Vor dem Hintergrund der, „unklaren Abgrenzung zwischen der Grundlagenforschung und der angewandten Forschung“ fordern einige Mitglieder der EGE sogar ein „Moratorium für jede Form der Grundlagenforschung, die eine Veränderung der menschlichen Keimbahn impliziert, bis der EU-Rechtsrahmen an diese neuen Möglichkeiten angepasst wird“. Für andere EGE-Mitglieder wiederum gibt es „nachvollziehbare Positionen, die eine weitere Forschung rechtfertigen würden“.

 

Zum Abschluss ihrer Stellungnahme fordert die EGE die Europäische Kommission auf, im Zusammenhang mit den „eng miteinander verbundenen ethischen, wissenschaftlichen und rechtlichen Fragen der Veränderung menschlicher Körper- oder Keimzellen“ möglichst rasch auf einen breiteren Entscheidungsfindungsprozess hinzuwirken.

 

 José Ramos-Ascensão

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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