Dienstag 23. Mai 2017

Zurück zur Gewaltfreiheit des Evangeliums

Welche guten Vorsätze sollten wir als Kirche für das neue Jahr mit Blick auf die Umsetzung der Botschaft des Weltfriedenstages fassen? Die Generalsekretärin der britischen Sektion von Pax Christi Pat Gaffney.

„Die Menschheit braucht die Neugestaltung aller ihr zur Verfügung stehenden Instrumente, die den Männern und Frauen von heute helfen, ihre Sehnsüchte nach Gerechtigkeit und Frieden zu erfüllen. Hierzu bedarf es der Neubelebung der Gewaltfreiheit, insbesondere des gewaltfreien Handelns“. Diese Worte stammen aus der Botschaft von Papst Franziskus an die Teilnehmer der gemeinsam von Pax Christi International und dem Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden ausgerichteten Konferenz zum Thema Gewaltlosigkeit und gerechter Frieden: ein Beitrag zum katholischen Verständnis und zur Verpflichtung zur Gewaltfreiheit.

 

Die vielfältigen Möglichkeiten der Gewaltfreiheit

Als eine der Moderatorinnen hatte ich Gelegenheit, die Kreativität der 80 Teilnehmer aus der ganzen Welt zu spüren. Einige von ihnen brachten ihre Erfahrungen eines Lebens inmitten von Gewalt und Konflikten mit, andere berichteten von ihrer Arbeit im Rahmen des unbewaffneten Kriseneinsatzes, der Friedensstiftung, der Beratung und der Traumabewältigung. Männer und Frauen, die nicht müde werden, die Instrumente der aktiven Gewaltlosigkeit zu schleifen und zu schärfen und die die Kirche auffordern, ihren Geist zu öffnen und Mittel bereitzustellen, um diese Instrumente noch effizienter einzusetzen, mit dem Ziel, die Gewalt in unserer Welt zu verhindern und umzuwandeln.

 

Mit seiner Botschaft zum 50.Weltfriedenstages am 1. Januar 2017 „Gewaltlosigkeit: Stil einer Politik für den Frieden“ hat Papst Franziskus in der Tat seinen Geist für die vielfältigen Möglichkeiten der aktiven Gewaltlosigkeit geöffnet.

 

In der heutigen Zeit müssen wir unseren Geist und unser schöpferisches Denken zweifelsohne für neue Formen der Politik öffnen. Wir müssen an einer Vision eines Europas festhalten, das der Welt in Solidarität zugewandt ist und sich für die Menschenrechte einsetzt. Ein Europa, das sich für das Wohlergehen aller einsetzt und sich einer Politik der Zersplitterung und des Nationalismus widersetzt, die Grenzen schließt und Mauern entstehen lässt. Auf internationaler Ebene müssen wir der Globalisierung der Spaltung, wie wir sie in den Bereichen Sicherheit, Ressourcenverteilung und Migrationsbewegungen erleben, eine Globalisierung der Solidarität entgegensetzen.

 

Gewaltlosigkeit lehren

Welche guten Vorsätze sollten wir als Kirche für das neue Jahr mit Blick auf die Umsetzung der Botschaft des Weltfriedenstages fassen? Bildung wäre ein guter Ansatz. In wie vielen Schulen steht die Friedenserziehung auf dem Lehrplan? Es könnte beispielsweise gelehrt werden, wie man Frieden stiftet, indem man Probleme und Konflikte ohne Gewalt löst und anderen zuhört. Es könnten Kenntnisse über die internationalen Institutionen wie den Internationalen Strafgerichtshof, die Vereinten Nationen und die Kirche in ihrer Funktion als Friedensstifterin vermittelt werden. Unlängst erhielt ich von einem Freund eine vom EU-Amt für Veröffentlichungen herausgegebene Kinderbroschüre mit dem Titel Entdecke Europa. Ich denke nicht, dass dieses Heft bislang in vielen britischen Schulen zum Einsatz gekommen ist. Dabei enthält es wertvolle Hintergrundinformationen über die Kultur, die Zusammenarbeit und die Entscheidungsfindung der EU, Kenntnisse, an denen es bei unserem jüngsten Referendum schmerzlich gemangelt hat.

 

Des Weiteren gibt es den Glaubensunterricht und die Möglichkeit, die Gewaltfreiheit des Evangeliums in die Vorbereitung auf die Sakramente zu integrieren und die Erfahrungen des Lebens auf diese Weise in unseren spirituellen Werten zu verankern. Sich mit der mutigen Gewaltfreiheit Jesu auseinanderzusetzen kann helfen, ein besseres Verständnis für die aktive Gewaltlosigkeit zu entwickeln. Jesus, der die Regeln brach, wenn durch sie andere erniedrigt oder vernichtet wurden; Jesus, der Gewalt am eigenen Leibe erfuhr und sein Leiden bereitwillig annahm, anstatt anderen Gewalt anzutun. Wir könnten auch dafür sorgen, dass das Wirken der heutigen Friedensstifter in unseren Gemeinschaften stärker gewürdigt wird, wir könnten von ihren Ansätzen lernen und die Berufung der Friedensstiftung stärker wertschätzen.

 

Einen „Weltkrieg in Etappen“ vermeiden

Wenn es uns gelingen soll, den – wie Papst Franziskus ihn nennt – „Weltkrieg in Etappen“ zu überwinden, müssen wir kreativ sein und unser Sicherheitsverständnis überdenken. Die eigentlichen Gefahren für die Sicherheit unserer Welt sind Armut, Klimawandel, die konfliktbedingte Migration sowie die Cyber-Bedrohungen. Und dennoch werden die für die Entwicklung emissionsarmer Wirtschaften, die Beseitigung von Armut und die Förderung internationaler Beziehungen bereitgestellten Mittel immer wieder in Frage gestellt.

 

Militärhaushalte dagegen sind unantastbar; dabei schaffen militärische Antworten mehr Probleme, als sie lösen. Der Trend geht in Richtung Aufstockung der Militärausgaben: So hat die Europäische Kommission unlängst im Rahmen ihrer Pläne für eine EU-Verteidigungsunion die Schaffung eines militärischen Beschaffungs- und Forschungsfonds vorgeschlagen. Auch die NATO hat die Zahl ihrer jährlichen Militärübungen erhöht und ist im Begriff, die Rolle der Nuklearszenarien in ihren Krisenmanagmentübungen neu zu bewerten.

 

Die Rolle der Kirche

Wie gehen unsere nationalen Kirchen mit diesen Fragen um? Erheben wir bei der Veröffentlichung unserer nationalen Haushalte die Stimme, um gegen die astronomischen Summen zu protestieren, die in die Militärhaushalte fließen? Hinterfragen wir – so wie Papst Franziskus dies tut – die Waffenindustrie und all diejenigen, die daran verdienen? Die im Krieg im Jemen, in Syrien und im Irak verwendeten Waffen stammen aus den USA, Russland und Europa. Ein guter Anfang wäre zu prüfen, worin unsere kirchlichen Gemeinschaften ihr Geld, ihre Rentenfonds und ihr Ersparnisse investieren. Wir sollten die Arbeit der Vereinten Nationen zur Aushandlung eines Atomwaffensperrvertrags unterstützen, indem wir die 38 Länder, die sich gegen einen solchen Vertrag ausgesprochen haben, dazu bewegen, an den Verhandlungstisch zu kommen und auf diese Weise der Logik der Angst und des Misstrauens, die die nukleare Abschreckung verkörpert, ein Ende zu bereiten.

 

Pat Gaffney

Generalsekretärin der britischen Sektion von Pax Christi seit 1990

 

Lesen Sie auch die von Pax Christi anlässlich des Weltfriedenstages veröffentlichten Schriften.

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

DE- Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/